ARD-Programmreform : Wie wenig Wirklichkeit soll’s denn sein?

Die ARD kippt die Montags-Doku aus dem Programm. Wie ein journalistisches Genre damit weiter ruiniert wird.

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„Leben und Sterben für Kabul“. Szene aus der Dokumentation von Hubert Seipel zur Frage, wie Deutschland am Hindukusch die Freiheit verteidigt. Foto: NDR Foto: NDR
„Leben und Sterben für Kabul“. Szene aus der Dokumentation von Hubert Seipel zur Frage, wie Deutschland am Hindukusch die Freiheit...Foto: NDR

Talk schlägt Doku. Frank Plasbergs Gesprächsrunde „Hart aber fair“ wird von Herbst 2011 an die Dokumentation am Montag um 21 Uhr in der ARD verdrängen. Die Dokumentaristen reagieren empört, selbst wenn in der talkfreien Zeit Platz für ihr Genre geschaffen wird. „Die Kernkompetenz der ARD im Bereich des dokumentarischen Fernsehens wird systematisch ruiniert“, sagt AG-Dok-Vorstand Thomas Frickel. Es ist ein schleichender Prozess. Renommierte Formate wurden abserviert, Dokumentarfilme ins Sommerloch verbannt, die Politmagazine gekürzt, jetzt wird der Polittalk zur Info-Königsdisziplin ausgerufen.

Wolfgang Ettlich kennt das schon. „Seit 20 Jahren geht es immer nur um Kürzungen, Kürzungen der Kalkulation, der Programmplätze, der Formate, doch die Halbierung der Sendeplätze – das ist der absolute Hammer.“ Den Grimme-Preisträger selber trifft die Streichung weniger. Ettlich gehört zu den klassischen Dokumentarfilmern, deren Filme die Nachtprogramme der Dritten zieren. Für Ettlich sind das „Alibi-Aktionen, mit denen die Sender vorgeben, den Bildungsauftrag erfüllt zu haben“. In den Redaktionen säßen nach wie vor engagierte Leute. „Die wollen das Genre nicht sterben lassen, können sich aber nicht durchsetzen.“

Das Metier des Berliners sind Lebensgeschichten oder Sozialprojekte. Seine Langzeitbeobachtungen beginnt er oft auf eigene Faust. Einen Sender holt er später ins Boot. Vollfinanzierung ist heute eine Seltenheit, dafür behalten Filmemacher und Rucksack(ko)produzenten wie er Rechte zurück, mal für Arte, für die Schweiz, mal für den DVD-Markt. Auch andere haben ihre Nische gefunden: Bei Peter Heller ist es Afrika, bei Pepe Danquart war es zuletzt der Sport, bei Volker Koepp sind es die poetischen Geschichten, die von Landschaften und Menschen erzählen. Ettlich: „Wir Dokumentarfilmer sind und bleiben Einzelkämpfer, aber die Etablierten haben immerhin das Glück, dass die Redakteure mit ihnen alt werden.“

Thomas Frickel betont als Vorsitzender der AG Dok den sozialen Aspekt. „Erst hat man die Leute zu Filmemachern ausgebildet, hat ihnen ein wunderbares Leben in der Medienbranche suggeriert“ – jetzt sieht er das Aus für viele Produzenten und Autoren und prognostiziert „eine publizistische Verarmung und eine Verengung der inhaltlichen und kreativen Vielfalt“. Das gehe schon seit 20 Jahren so, seit die Öffentlich-Rechtlichen in Konkurrenz zu den Privaten getreten seien.

Einen festen Dokumentarfilmtermin zur besten Sendezeit fordert die AG Dok. „Das wäre töricht“, reagierte ARD-Programmdirektor Volker Herres in der „Funkkorrespondenz. Auch wie das Erste die letzte Zeit mit dem Doku-Montagstermin umgegangen ist – das waren lauter kleine Akte der Verzweiflung, nicht mit „Wer wird Millionär?“ oder dem ZDF-Fernsehfilm konkurrieren zu können. Was unter zehn Prozent Marktanteil lag, flog vom 21-Uhr-Platz, so das Traditionsformat „Unter deutschen Dächern“ oder „Das rote Quadrat“. Preise wurden nicht als Zeichen der Wertschätzung verstanden, sie wurden zu Vorboten der Abschaffung der Formate – und jetzt des Sendeplatzes.

Der Doku-Platz am Montag leidet aber auch unter einem Marketingproblem. Zeitgeschichte, gekrönte Häupter, „Legenden“, Reihen, Einzelstücke – Kontinuität sieht anders aus. „Wer dokumentarischen Journalismus etablieren will, der muss seine Sendeplätze pflegen“, ist für Stephan Lamby („Der Fall SPD“) die erste Voraussetzung. „Man muss sie außerdem mit ausreichend Geld ausstatten. Man muss die Bildsprache sorgsam entwickeln, man muss werben.“

In diesen Punkten sieht der Autor, Regisseur und Produzent das ZDF vorn mit seinen Marken Guido Knopp oder „Terra X“. Während die ARD der eigenen Kernkompetenz, dem dokumentarischen Journalismus, weniger traut, sieht Lamby die Kommerziellen in der Offensive. „Die Privaten haben noch nie so viele Formate unter dem Doku-Label gesendet wie im Moment.“ Dazu gehören auch die umstrittenen Formate aus dem Bereich Scripted Reality. So bestimmen sie mehr und mehr den Status quo der Wahrnehmung. Studien belegen, dass es dem Publikum der Privatsender egal ist, ob die Geschichten echt oder gescripted, also erfunden sind. Lamby: „Die Zuschauer wollen geblendet werden.“ Sie gewöhnen sich daran, dass die inszenierte Realität in den privaten Programmen bunter und unterhaltsamer ist. Die Folge: „Wenn die klassischen Doku-Autoren eine gründlich recherchierte, authentische Dokumentation anbieten, vermisst der Zuschauer die große Unterhaltsamkeit, die man bei den Filmen der Privatsender bekommt“, sagt Lamby.

Bemängelt wird zudem der falsch verstandene Wettbewerb zwischen den öffentlich-rechtlichen und den kommerziellen Sendern. „Es ist Unsinn, wenn ich mit einer Dokumentation wirtschaftliche Zusammenhänge der Finanzkrise erkläre wie die größte deutsche Nachkriegspleite, die der Hypo Real Estate, und damit quotenmäßig konkurrieren soll mit ‚Bauer sucht Frau‘ oder ‚Die Säulen der Erde‘. Wir haben trotzdem knapp zwölf Prozent Marktanteil eingefahren“, sagt Dokumentarist Hubert Seipel.

Das Dokumentarische gerät von allen Seiten unter Druck. Auch die Fiktion verarbeitet Dokumentarisches, übernimmt damit aber nicht ihre Funktion. Filme wie „Mogadischu“ setzen reale Ereignisse in Unterhaltung um. Seipel: „Da steht Doku drauf, aber es ist längst nicht mehr Doku drin – also nennt es doch Unterhaltung.“ Eine Dokumentation verfährt anders, erzählt anders und besitzt eine andere journalistische Durchdringung als eine Talkshow. Beispiel: Seipels Afghanistan-Film „Leben und Sterben für Kabul“. „Ich habe bewusst Bilder vom Anschlag in Kundus gezeigt. So hat der Krieg ein konkretes Gesicht bekommen in Gestalt der schwer verletzten und getöteten Soldaten.“ Eine Wirklichkeitsebene, die sich nicht durch Reden herstellen lässt. „Mit Dokumentationen lassen sich Nachrichten besser verstehen“, betont auch Stephan Lamby.

Es sei doch, sagt Hubert Seipel, absurd: „Doku-Soaps, Scripted-Reality-Formate, selbst die Fiktion, alle suchen die DokuVerpackung, weil sie für Authentizität und Glaubwürdigkeit steht, und gleichzeitig versucht man die Dokumentation zu killen.“

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