ARD-Selbstversuch : Heiße Luft in der gehackten Cloud

Job gekündigt, Konten gesperrt: Die ARD wollte mit einem Reporter-Selbstversuch zeigen, wie einfach Hacker ein Leben ruinieren können. Doch die aus einer unverschlüsselten Cloud kopierten Daten verrieten wenig mehr als die Gier auf Pizza.

Richard Weber
Die wirklich wichtigen Themen wurde in der ARD-Sendung verheizt, meint unser Kritiker.
Die wirklich wichtigen Themen wurde in der ARD-Sendung verheizt, meint unser Kritiker.Foto: dpa

Die Idee ist nicht ganz neu, aber sie hat was. Ein medialer Selbstversuch. Die  Reporterin Diana Löbl spioniert ihren Kollegen Peter Onneken aus, schnappt sich seine Passwörter, sperrt sein Telefon und seine Konten, macht ihn bei Twitter zu einem rechten Spinner, der Angst vor Ufos hat und kündigt sogar seinen Job. Das hört sich nach Orwell an und nach Kafka. Ein ganz erschreckendes Experiment, das die völlig ahnungslosen ARD-Zuschauer unter dem Titel "Exclusiv: Zugriff!" so richtig aus ihren Fernsehsesseln reißen soll.

Leider ist die 30 Minuten lange Umsetzung so schaumschlägerisch und heiße-Luft-haltig, das man vor Ärger am liebsten gleich in die – nein nicht Tischkante, sondern zeitgeistgemäß ins Tablet beißen möchte. Die erste große Einschränkung, die die Reportage fast zum Absaufen bringt - der ganze Datenklau funktioniert nur, wenn man seine Daten in irgendeine Cloud ausgelagert hat.

Hollywood-Blockbuster lassen grüßen

Cloud Computing bedeutet, Daten sind nicht mehr auf einem Rechner vorhanden, sondern ins Netz ausgelagert. Damit das Ganze funktioniert, dürfen die Daten nicht verschlüsselt sein und da haben wir ihn schon, den Kasus Knaxus. Ob das alles auch mit Daten funktioniert, die nicht in einer Cloud lagern, darüber schweigt die ach so investigative Reporterin. Dafür ist der Drehort wirklich vom Feinsten. Eine mit optisch attraktiven Müll vollgestellte Fabrikhalle in Frankfurt. Hollywood und seine Verschwörungs-Blockbuster lassen grüßen.

Leider langt die optische Aufrüstung nicht mehr für die Reporterin. Die muss in einer spießigen Pünktchen-Bluse mit weißem Rundkragen gute Miene zum knallharten Quotenkampf machen. Dass die ARD sooooo sparen muss? Die knackig-engen und erotischen Lederanzüge einer Emma Peel aus der 60iger Jahre Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ hätten das Ganze in eine andere Liga katapultiert.

Unverschlüsselte Daten "gehackt"

Weil die Reporterin das schändliche Tun nicht alleine vollbringen kann, braucht sie ein Paar Hacker und einen Profiler. Der schaut auch nicht nach großem Agentenkino aus, sondern frisch aus der Polizeidienststelle Esslingen-Nord importiert. Profiler erstellen die Profile von Straftätern. Hier darf der Spezialist aus den unverschlüsselten Daten herauslesen, dass Peter Onneken in Frankfurt Soziologie und Politikwissenschaften studiert hat. Dass er wohl mal mit seinem Bruder zusammen in einer Wohnung gelebt hat und dass er Fußball mag, unpünktlich ist, Pizza liebt und ….und jetzt vor lauter Enthüllungsangst den Atem anhalten … der Arme leidet an Nagelpilz. Wow. Welche Abgründe tun sich da auf? Damit muss die Geschichte der Spionage im Internet in weiten Teilen völlig neu geschrieben werden. Schade. Schade.

Dass wirklich wichtige Themen wie Datenklau, Passwortplünderei und Identitätsdiebstahl so verheizt werden, das ist der eigentliche Frevel. Wieder einmal hat man sich krampfhaft bemüht, aus einer relevanten Geschichte einen aufgeblähten Skandal-Ballon a la Privatfernsehen zu stricken. Nur scheitert es an der öffentlich-rechtlichen Zaghaftigkeit. Wenn schon schockieren, dann aber mal richtig. Nicht mal dem Reporter Onneken nimmt man ab, dass er über den Verlust seiner Identität wirklich erschrocken ist. Vielleicht hätte man ihn einfach mit der lebensbedrohenden Diagnose Nagelpilz konfrontieren müssen.

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