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ARD-Sonntags-Talk : Günther Jauch: Kein Wort zum angekündigten Abschied

Günther Jauch und sein ARD-Talk: Überraschenderweise verlor der Moderator in seiner Sendung am Sonntagabend kein Wort über seinen Abschied zum Ende des Jahres.

Joachim Huber
Günther Jauch am Sonntagabend.
Günther Jauch am Sonntagabend.Screenshot: Tsp

Fernsehpublikum und Fernsehkritik, sie müssen jetzt aufpassen. Aufpassen, dass sie sich nicht jeden Jauch-Talk bis zum Finale am Jahresende zur Prüfaufgabe nehmen, ob dieser Moderator seine Gesprächsrunde zu Recht aufgibt, ob daraus ein Gewinn oder ein Verlust resultiert. Günther Jauch selbst macht vor 3.28 Millionen Zuschauern am Sonntag keinen Pieps zu seinem Rücktritt.

Das Thema am Sonntag, also sechs Monate vor der von „Günther Jauch“ befreiten Zeit: „Die Welt in Unordnung – Kann Politik noch Krisen lösen?“ Eine eminent politische Frage, möchte man meinen, da muss die Jauch-Redaktion doch eine eminent politische Runde einberufen. Hat sie nicht. Konnte sie vielleicht auch gar nicht. An einer Stelle beklagt Jauch sich, wie sehr die Neigung der Politiker gesunken ist, sich in Talkshows zu stellen. Eine Überraschung – und ein Hinweis darauf, dass dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, insbesondere der ARD ein Weniger an Talkshows nicht schaden würde

Das große, vielleicht zu groß gezogene Thema am Sonntag wird also nicht kernpolitisch behandelt, sondern in einer sehr gemischten Runde. Der einzige Politiker ist CDU-Mann Peter Altmaier, Chef des Bundeskanzleramtes. Zur lila Krawatte (mutig) trägt er lila Socken (noch mutiger). Wenn Altmaier nicht gerade seine Chefin lobt und die Notwendigkeit des G-7-Treffens verteidigt, ist er beredt genug aufzuzeigen, was Politik, also Regierungspolitik, also Chefin zu leisten imstande ist. Sein Paradebeispiel ist der Ausstieg aus der Kernkraft.

Altmaier hat einen Counterpart zur Rechten, den Politikwissenschaftler Dietmar Herz, als SPD-Staatssekretär im Thüringer Justizministerium wenige Jahre aktiver Politiker. Für ihn war das eine Zeit der Ernüchterung, Politikerfahrung als die ohnmächtige Erfahrung „politisierter Verwaltung“. Entscheidungen würden nur unter zwei Gesichtspunkten getroffen: Was sagt der Wähler, wie ist das Medienecho? Altmaier und Herz, das sind die zwei Seiten der politischen Medaille.

„Onkel“ Altmaier prallt ab

Ein echter Coup ist die Einladung von Fagr Eladly. Die junge Frau hatte es beim Besuch des ägyptischen Präsidenten Sisi ins Kanzleramt geschafft, Rederecht gefordert, Sisi einen „Mörder“ geschimpft, ehe sie hinausgedrängt worden war. Eladly berichtet dies ohne Empörungsschaum. Ein junger Mensch, Juso-Mitglied, überaus engagiert, von der Politik keineswegs frustriert. Politiker Altmaier ist stante pede begeistert, will Fagr Eladly loben und preisen, diese aber beharrt auf ihren politischen Forderungen wie einem Stopp von Waffenlieferungen in Krisengebiete. „Onkel“ Altmaier prallt ab.

Natürlich hat der Jauch-Talk da längst sein Generalthema verloren, es wird nicht ins Thema hinein diskutiert, sondern um das Thema herum. Es geht mehr und mehr um persönliche Erfahrungen mit Politik. Der Moderator, zwischenzeitlich wie weggetaucht, dann wieder Tempomacher und Zügel-in-der-Hand-Halter lässt das geschehen; vielleicht aus Höflichkeit, vielleicht aus Hilflosigkeit, vielleicht aus Einsicht, dass die Eingangsfrage „DieWelt in Unordnung – Kann Politik noch Krisen lösen?“ in und mit dieser Runde nicht zu beantworten ist.

Trotzdem, die eine Stunde Talk ist mehr als Bekenntnis und Bericht. Durch die Wortmeldungen scheint die Erkenntnis durch, dass das Elend der Politik auch das Elend der Erwartungen an Politik ist. Selbst „Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart, der der Politik sonst die Leviten liest - „Überinszenierung“, „Rituale“ -, gesteht zu, dass vor allem die Medien dafür verantwortlich seien, wenn Menschen Probleme als erdrückend erleben würden.

Günther Jauch zeigt keine Emotionen

Die junge Ägypterin Fagr Eladly ist die eine Überraschung in der Gesprächsrunde, Margot Käßmann die zweite. Die frühere EKD-Vorsitzende scheint die Attitüde abgelegt zu haben, Politik mit Moral verwechseln zu wollen. Sie spricht jetzt von der „Zivilgesellschaft“. Wie schön und ein echter Fortschritt für die Protestantin, die Moral sonst wie ein Körperpflegemittel zu gebrauchen pflegte.

Überhaupt vergibt die Runde wenig Haltungsnoten, es ist keine Versammlung der Besserwisser. Und wenn schon nicht das eigentliche Thema tiefschürfend behandelt werden kann, so sind die Annäherungen daran interessant bis erhellend. Jauch sollte dennoch nichts unversucht lassen, mit der Politik darüber ins Gespräch zu kommen. Dass Altmaier in Berlin über Politik redet, während Merkel in Elmau Politik macht, zeigt nur: Fernsehen ist eine Wirklichkeit, Politik die andere. Zwei Sphären, schwer zu entscheiden, ob mehr Schnittmenge dienlich wäre.

PS: Günther Jauch zeigt keine Emotionen, was das angekündigte Ende seiner Talkshow angeht. Er ist eben - Günther Jauch. Ein Fernsehprofi von eigener Qualität.

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