ARD-Sportberichterstattung : Struves Kopf soll rollen

Kurz vor der Tour de France wird über die Art der Tour-Berichterstattung diskutiert. Vor allem der Ruf nach einem neuen Journalistentypus wird dabei laut. Die Branche muss aufwachen und auch personelle Konsequenzen ziehen.

Sonja Pohlmann
Tourberichterstattung
Die Berichterstattung soll stärker die Schattenseiten des Sports beleuchten. -Foto: dpa

Eines dürfen Moderatoren und Gäste in Sportsendungen nicht tun: über Doping reden. Viele Zuschauer wollen nicht sehen, dass es ihre Stars nicht allein durch eigene Leistung aufs Siegertreppchen geschafft haben, und zappen die Wahrheit weg. In der Praxis haben sie dazu allerdings selten Grund, denn viele Sportjournalisten feiern ohnehin lieber die Erfolge der Sportler, anstatt kritisch zu recherchieren. Das behauptet zumindest eine Studie der Technischen Universität München, in der 3000 Sportjournalisten von Wissenschaftlern befragt wurden. „Keine andere Gruppe von Journalisten hat so eine geringe Distanz zum Gegenstand ihrer Berichterstattung wie die Sportreporter“, sagte Josef Hackforth, Professor für Sport, Kommunikation und Medien an der TU München. Er hat die Einstellung von Zuschauern und Sportjournalisten zum Thema Doping untersucht.

Knapp eine Woche vor Beginn der Tour de France am 7. Juli diskutierte Hackforth am Dienstag darüber zusammen mit Funktionären und Journalisten in der Berliner Landesvertretung von Rheinland-Pfalz. Mit dabei waren ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt, der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Michael Vesper, und T-Mobile-Sprecher Christian Frommert. Thomas Leif, Chefreporter beim SWR und Vorsitzender des „Netzwerks Recherche“, moderierte die Diskussion und stellte zumindest bei einer Sache Einigkeit fest: „Einen dopingfreien Sport wird es niemals geben.“ Um mehr Druck auf die Sportler auszuüben, plädierten die Teilnehmer jedoch dafür, die Art und Weise der Tour-Berichterstattung zu ändern. Sie zu boykottieren, sei allerdings der falsche Weg. Vielmehr bedarf es nach Ansicht von ARD-Experte Seppelt und Wissenschaftler Hackforth eines neuen Journalistentypus. Bislang seien unter den Sportjournalisten vor allem Fans, die es auf die andere Seite geschafft hätten, aber keine kritisch recherchierenden Redakteure. „Die werden aber dringend gebraucht, um die Dopingnetzwerke aufzudecken“, sagte Seppelt. Auch T-Mobile-Sprecher Frommert klagte an, dass die Branche viel zu lange geschlafen habe. Hackforth forderte deshalb, dass in den Führungsetagen der Sender hart durchgegriffen wird: „Es müssen Köpfe rollen. Als Erstes der von ARD-Programmdirektor Struve“, sagte er. Seppelt hatte dem nichts entgegenzusetzen. Frommert warnte jedoch: Kurz vor der Tour koche die Hysterie hoch. Die Radsportbranche müsse jedoch zur Ruhe kommen, bevor effizienter gegen Doping gekämpf werden könne. Sein Unternehmen war in den vergangenen Jahren als einer der größten Tour-Sponsoren im Fernsehen präsent. Inzwischen tritt T-Mobile kürzer, auch weil die Radsportbranche in Verruf geraten ist, nachdem bei immer mehr Fahrern Doping festgestellt wird und Stars wie Erik Zabel Doping zugegeben haben.

„Ich habe aber nichts dagegen, wenn künftig nur eine Stunde über die Tour und drei Stunden über Doping berichtet wird“, sagte Frommert, wohl wissend, dass auch die öffentlich-rechtlichen Sender an einer hohen Einschaltquote interessiert sind. 89 Stunden lang übertragen ARD und ZDF vom 7. Juli an die Tour 2007 – ob bis dahin noch Köpfe rollen, wird sich zeigen.

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