ARD-Talkshow-Offensive : Die zehn Gebote

Ab September sind im Ersten fünf Talkshows pro Woche zu sehen, inklusive Neuzugang Günther Jauch. Ein Versagen der ARD-Hierarchien, meint unser Autor und gibt Handlungsempfehlungen, damit das Konzept funktioniert.

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Das Quintett. An fünf Abenden in der Woche zeigt die ARD ab September Talkshows. Günther Jauch (m.) mit seinen neuen Kollegen Sandra Maischberger (2.v.l), Anne Will (2.v.r.), Frank Plasberg (l.) und Reinhold Beckmann (r.). Foto: ARD/Marco Grob
Das Quintett. An fünf Abenden in der Woche zeigt die ARD ab September Talkshows. Günther Jauch (m.) mit seinen neuen Kollegen...Foto: ARD/Marco Grob

Die Fünf-Tage-Woche der Gesprächssendungen im Ersten – ab September wird es ernst. Das Team der Moderatoren Sandra Maischberger, Anne Will, Frank Plasberg und Reinhold Beckmann wird mit Günther Jauch verstärkt. Dessen neues Talkformat aus Berlin geht erstmals am Sonntag, 11.9., nach dem „Tatort“ um 21 Uhr 45 auf Sendung. Es folgen in der Reihenfolge der Wochentage: Frank Plasberg mit „hart aber fair“ auf neuem Sendeplatz (ab Montag, 5. 9., 21 Uhr). „Menschen bei Maischberger“ läuft bereits ab dem 30.8., wie gewohnt dienstags um 22 Uhr 45. Ebenfalls auf einem neuen Sendeplatz: „Anne Will“, ab 31.8., immer mittwochs um 22 Uhr 45 sowie „Beckmann“, ab 1.9., immer donnerstags um 22 Uhr 45. Mit der Platzierung von fünf Talkformaten und dem einheitlichen Beginn der „Tagesthemen“, dann montags bis donnerstags um 22 Uhr 15, hat die ARD nach langen, schwierigen Diskussionen eine der größeren Strukturreformen umgesetzt. Sagt sie. Damit ist es für den ARD-Talk aber noch nicht getan, meint Bernd Gäbler. Für die Studie „...und unseren täglichen Talk gib' uns heute“, die am Dienstag bei der Otto Brenner Stiftung als Arbeitsheft 68 erscheint, hat er drei Monate lang die Themenkonjunkturen und Gästekonstellationen in den Polit-Talkshows untersucht. Gäbler beschreibt Geschichte, Inszenierung sowie Dramaturgie der Talks und überprüft ihren aufklärerischen Gehalt. Wir drucken exklusiv vorab das neunte Kapitel der Studie mit „Handlungsempfehlungen“ für die Shows.

Selbst wenn der Zuschauerzuspruch zunächst einmal gar nicht so schlecht sein sollte, ist es selbstverständlich ein Versagen der ARD-Hierarchen, ab dem 11. September wöchentlich Jauch, Plasberg, Maischberger, Will und Beckmann als Talkmaster aufzubieten. Diese Programmentscheidung wird nicht von Dauer sein. Fast alle befragten TV-Macher, Politiker und PR-Strategen haben Sehnsucht nach einer Art Neuauflage der legendären Sendung „Zur Person“ von Günter Gaus. Hierin ist ein Wunsch nach Entschleunigung und Vertiefung spürbar, der durchgängig im heutigen TV-Angebot vermisst wird. Sicher ist es sinnvoll, ein ähnliches Format in neuem Gewand auszuprobieren. Die folgenden Handlungsempfehlungen resultieren aus der Studie. Es sind Vorschläge zur Verbesserung des bestehenden Formats „Polit-Talkshow“. Es sind „Reformideen“, keine Umsturzversuche. Dabei wäre es durchaus denkbar und wünschenswert, eingefahrene Gleise zu verlassen und auch einmal wieder völlig andere TV-Gesprächssendungen auszuprobieren: Open End, anarchisch, auf die Zivilgesellschaft zielend, ohne Parteiproporz, mit unvorhersehbaren Gästen, konkreter, forschender, weniger ritualisiert. Die Erwartung solcher Veranstaltungen ist in der gegenwärtigen Verfassung von Sendern und formatierten Programmabläufen allerdings wenig realistisch. Realistischer sind die folgenden Optionen.

Konkreter. Die Talkshows sollten bemüht sein, von sich aus wichtige Themen zu setzen und nicht nur wiederzukäuen, was ohnehin gerade in Medien und Gesellschaft vielfach debattiert wird. Oft wollen die Talkshows zu viel auf einmal diskutieren. Die Formulierung der Themen zielt häufig sehr unbescheiden auf das große Ganze. Talkshows müssen ihre Themen klarer umreißen und konkreter werden.

Formate durchbrechen. Das Format selber hat sich bewährt, ist aber weitgehend ritualisiert. Talkshows drohen an ihrer eigenen Orthodoxie zu ersticken. Sie könnten an Attraktivität gewinnen, wenn die offenen und heimlichen Formatvorgaben häufiger durchbrochen würden. Einzelbefragungen, Rededuelle, kleinere Runden könnten mit der klassischen Gästekonstellation wechseln.

Risikobereitschaft. Mehr Mut zu zugespitzten Kontroversen ist gefragt: Geert Wilders vs. Cem Özdemir: Wer wagt das im deutschen Fernsehen?

Andere Gäste. Bei den Gästeeinladungen gibt es zu viel vorhersehbares Mittelmaß. Wer will sie noch sehen: Hubertus Heil und Philipp Mißfelder; Markus Söder und Martin Lindner; die Kontroversen zwischen Ursula von der Leyen und Manuela Schwesig? Oder Daniel Bahr gegen Karl Lauterbach – gähn! Schluss damit! Das öffentlich-rechtliche Fernsehen darf nicht zu einem zahmen Parteienproporz-TV degenerieren.

Mehr Bürgerlichkeit. In der Zusammensetzung der Gesprächsrunden muss es eine Öffnung zur Gesellschaft geben. Kenntnisreiche Politiker jenseits der Bundesebene, Künstler und Wissenschaftler, praktische Reformer und „Betroffene“ können gleichberechtigt Argumente austauschen und sich wechselseitig bereichern. Es geht um das Gespräch freier Bürger – von Citoyens, nicht Rollenclowns.

Bessere Koordination. Die von der ARD geplante gemeinsame „Gäste-Datenbank“, auf die alle Redaktionen Zugriff haben sollen, ist kein taugliches Mittel, um die selbst angerichtete Themen- und Gästeinflation einzudämmen.

Mehr Schutz durch Chefredakteure und Senderverantwortliche. „Hart aber fair“ ist ein richtiges Motto, um die Autonomie des Journalismus zu stärken. Talkshows funktionieren als Bühne für die Selbstrepräsentation der Spitzenpolitiker und ihrer durchkomponierten Kampagnen. Nur Selbstbewusstsein, Kenntnis und energisches Verfolgen der eigenen journalistischen Interessen schützen die Talkshows davor, Spielball der PR-Strategen zu werden. In diesem Sinne müssen Chefredakteure und Senderverantwortliche die Talkshows schützen und nicht ihrerseits hineinregieren.

Bosse nach vorn. Wer Talkshows als Mittel einer demokratischen Öffentlichkeit ernst nimmt, darf die Verantwortlichen der Wirtschaft nicht länger verschonen. Hier können und müssen sie sich stellen, um die Legitimation ökonomischen Handelns im Sinne einer „gesellschaftlichen Betriebserlaubnis“ zu erringen.

Einspieler sind kein Selbstzweck. „Einspielfilme“ als Erinnerung an frühere Aussagen, Hinweise auf Meinungen von Bürgern oder Fakten und Zitate sind ein legitimes Mittel, um immer wieder Schwung in Gespräche zu bringen. Inzwischen sind sie aber oft zu Clownerien, Gimmicks oder Denunziationen verkommen. Wie wäre es einmal wieder mit einem sachlich-informativen Einspielfilm?

Mehr Journalismus wagen. Besonders zukunftsträchtig ist es vermutlich, eine neue Kombination von hinter die Kulissen schauender Reportage und Talk anzustreben. Der Talk wird dadurch auf keinen Fall kostengünstiger werden, aber sicher bohrender, also journalistischer und nicht weniger spannend.

Die Studie ist kostenfrei bei der Otto Brenner Stiftung zu beziehen. Im Internet unter www.otto-brenner-stiftung.de

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