Medien : Arena aus Papier

Seit zwanzig Jahren schreibt Jacques Durand in der französischen Tageszeitung „Libération“ über nichts anderes als: Stierkampf

Mika Biermann[Marseille]

Der Stier schiebt die Hörner unter den gepanzerten Bauch des Pferdes, spannt seine Nackenmuskeln und hebt es aus dem Sand. Der dicke Reiter lässt die Lanze fallen und rudert um sein Gleichgewicht. Die Hälfte des Publikums klatscht, die andere pfeift. Unten in dem engen Gang, den nur ein Bretterzaun von der Arena trennt, hasten Schwert- und Wasserträger, fotografieren junge Mädchen und schmunzeln alte Haudegen. Ein Mann mit weißer Mähne und schwarzen Brauen hat die Ellenbogen auf den Schutzwall gestützt und schaut sich das Gerangel an. Seine Hände sind leer. Sein Gesicht ist ernst, beinahe ausdruckslos.

Am Stierkampf scheiden sich die Geister. Die, die ihn ächten, und die, die ihn lieben, haben nur eine Sache gemeinsam: das gegenseitige Unverständnis. Erstere toben, Letztere halten sich die Ohren zu. Die kleine Sekte der französischen Stierkampfanhänger hat ein gewaltiges Sprachrohr. In der Tageszeitung „Libération“ ist jede Woche eine ganze Seite der umstrittenen Sache gewidmet. Chefredakteur und Schreiber dieser Rubrik ist der weißhaarige Mann mit den schwarzen Augenbrauen. Er heißt Jacques Durand und hat ziemlich genau – bei achtzig Kämpfen pro Jahr und sechs Stieren pro Kampf – zehntausend Tiere sterben gesehen, in zwanzig Jahren Berichterstattung.

Mit neun Jahren saß er zum ersten Mal im römischen Amphitheater von Nîmes, während unten im Sand ein Ballett aus Rosa, Gold und Schwarz begann, das sechs Mal hintereinander im Rot frischen Blutes endete. Sein Vater, im Alltag Gerichtsdiener, erklärte ihm geduldig die komplizierten Regeln. Dann fuhren sie zurück durch die Weinberge in ihr Dorf, wo die Mutter mit dem Abendbrot wartete. Als Halbwüchsiger ging er mit seinen Freunden so selbstverständlich zum Stierkampf wie Gleichaltrige zum Fußball.

Durand wollte nie etwas anderes als Journalist werden. Anfangs schrieb er für diverse Regionalblätter über Sportveranstaltungen, Feuerwehrbälle, Geschworenenprozesse. Seinen ersten Artikel über einen Stierkampf druckte „Le Matin“ in Paris ab. Eines Tages schellte das Telefon. Es war Serge July, der Gründer von „Libération“, der mit Sartre frühstückte. Der als Student in Bordeaux – ein sorgfältig gehütetes Geheimnis – eine kleine These über den Stierkampf verfasst hatte. Und dem nicht entgangen war, dass die Feria von Nîmes, eine Woche Stierkampf, Musik, Theater, dabei war, sich zum größten Straßenfest Europas zu mausern. Er trug dem unbekannten Durand die Verantwortung für eine wöchentliche Seite mit dem Titel „Tauromachie“ an, mit einer einzigen Bedingung: kein Insiderjargon! Es war der größtmögliche Glücksfall in einer Journalistenkarriere.

Seit damals ist Durand der einzige Redakteur, Reporter, Laufbursche und Zuträger seiner Seite, die sich seit 20 Jahren nicht verändert hat: ein zentraler Text, ein Foto in Schwarz-Weiß, eine Spalte Aktuelles. Das Thema ist schwierig, nicht nur, weil es sich um ein kulturelles Randphänomen handelt, sondern auch, weil es formell nichts Steiferes gibt als einen Stierkampf, dessen Verlauf seit hundert Jahren streng kodiert ist und über dessen Ausgang – das Wort „Kampf“ Lügen strafend – kein Zweifel besteht: Die Stiere werden sterben. Durand hat das Problem der Stereotypen gelöst, indem er einen enzyklopädischen Ansatz wählte: mal historisch, mal zoologisch, mal politisch, mal soziologisch, seltener kulinarisch, manchmal impressionistisch, oft der eines interessierten Zeitzeugen. Die Titel seiner Artikel lassen die Facetten des Fächers erahnen, der ausgebreitet wird: „Der Mann ohne Angst“, „Das Schilf und die Krabbe“, „Die Infanten der Kunst“, „Der Brötchenregen von Pampluna“, „Der Schicksalsmoment des Jesus Cardeño“, „Stierkampf im Schatten der ETA“, „Schlussverkauf der Matadore“, „Tun und Lassen eines auferstandenen Anarchisten“, „Musik!“. Ein Fachwissen im Rücken, das Respekt abnötigt, erlaubt sich Durand, auszuholen, abzuschweifen, auszuufern, mit Worten zu spielen, Sinn zu verschieben, kurz: zu schreiben. Egal, ob es sich um die Biografie eines vor 200 Jahren aufgespießten Matadors handelt oder um die genaue Analyse des Schädelinhalts des Kampfstieres, bos primigenius. Sein literarisches Vorbild sind Baudelaire, von dem er die sanfte Ironie hat, und die Surrealisten, denen es zu verdanken ist, wenn sich ab und an eine Nähmaschine und ein Regenschirm in seinen Zeilen treffen. Wo sich die Kollegen mit hysterischer Emphase in Fachblättern endlos wiederholen, als kommentierten sie das immer gleiche Länderspiel, beleuchtet Durand den Stierkampf gründlich, geduldig, von allen Seiten, und wie abgemacht für jeden. „Libération“ ist schließlich keine Schülerzeitung.

Jedes Frühjahr nimmt Durand seinen Pilgerstab und zieht los, von einer Feria zur nächsten, von der Großstadt aufs Dorf, von Spanien nach Frankreich und wieder zurück: Barcelona, Sevilla, Pampluna, Madrid, Nîmes, Arles, Béziers. Es finden tausende Stierkämpfe im Jahr statt, niemand kann sie alle sehen. Durand tut sein Bestes. Er wohnt in denselben Hotels, isst in denselben Restaurant, klopft auf vertraute Schultern, nimmt die Gespräche dort wieder auf, wo sie vor einem Jahr abgebrochen wurden, immer auf der Suche nach einer neuen Geschichte: ein junger Matador, der Dinge verspricht, die niemand halten kann; ein alter Held, der zurückkommt, weil die Kasse leer ist; ein Maurergehilfe, der einem riesigem Stier von 600 Kilo gegenübertritt.

Er reist den ganzen Sommer von Ort zu Ort, und manchmal, nach einem besonders faden Kampf, fragt er sich, was er dort tut, bis ihn am nächsten Tag, in einer anderen Arena, ein Stier aus schwarzem Licht oder ein Kämpfer im Zustand der Gnade alle Strapazen vergessen lässt. Zur Abwechslung frühstückt Durand am Tisch der Züchter, die mit goldenen Siegelringen protzen, trinkt in Kneipen neben vorzeitig gealterten Matadoren, besucht verstaubte Archive, die von Zeiten erzählen, als ungeschützte Pferdebäuche von den Hörnern ausgeweidet wurden. Sein Sommer ist eine endlose Variation schwarz-roter Menuette von Männern und Stieren, und der blutige Krieg, den „Libération“ auf den ersten vier Seiten abdruckt, ist ihm weniger real als die verblühende Geste eines Zigeuners mit dem roten Tuch, von der dann auf Seite 24 in seiner Rubrik zu lesen ist.

Durands Haus in einem kleinen Dorf bei Montpellier ist dunkel und kühl und riecht nach Feldstein, Gips und schwarzen Balken. Die vier Wände seiner Schreibstube sind bis unter die Decke mit Büchern ausgeschlagen. Baudelaires Gesamtwerk, ein bisschen Lautréamont, ein bisschen Poesie: Der Rest sind Bücher zum Stierkampf. Dort stehen die zwölf gewichtigen Bände der Enzyklopädie „El Cossio“, in der alles von der zünftigen Unterwäsche des Matadors bis zur chirurgischen Behandlung eines Hornstoßes behandelt wird. Die Verantwortung für einen klugen Satz zum Thema Stierkampf heutzutage ruht weitgehend auf Durands breiten Schultern.

Jacques Durand weiß mehr über den Stierkampf als der Papst über das Paradies. Seine Artikel erzählen von der Blaskapelle und der Morphologie der Stiere, von Sternbildern und Kartenverkäufern, von feigen Helden und tapferen Kindern, von langen Leben und schönen Toden. Durand sagt, dass der Stierkampf für ihn das Wichtigste auf der Welt ist, dass er all das konzentriert, was man in einem Leben fühlen kann: das Gefühl des Schönen und des Hässlichen, die Erregung, die Trauer, die erlesene Langeweile, das Gefühl, unrecht zu haben, das Gefühl, am rechten Ort zur rechten Zeit zu sein. Er wundert sich, dass er so wenig Leserpost erhält. Er fragt sich manchmal, ob die Redaktion in Paris sie ihm vorenthält. Im Internet häufen sich die Proteste: Wie kann es sein, dass sich „Libération“ einen Journalisten hält, der nur über das Quälen und Töten von Stieren berichten darf? Komplize der Schlachter, Hofschreiber der Barbaren …

Irgendwo muss da ein Missverständnis herrschen. Durand hat ein hohes aufklärerisches Berufsideal: dem Leser geduldig etwas klarzulegen, das phänomenal, komplex, strittig ist. An dem Tag, da seine Seite dem Druck der Tierschützer weichen muss, wird Voltaire in seiner Gruft einen hörbaren Seufzer tun. Es kann auch sein, dass das Ende schneller kommt als gedacht, falls „Libération“ es nicht gelingt, sich aus der aktuellen Finanzkrise zu winden. Pessimisten geben der Zeitung höchstens noch ein paar Monate. Seit Serge July zwangspensioniert worden ist, herrscht Chaos. Es ist die Rede von Einsparungen und Entlassungen, und niemand kann dem Stierkampfreporter garantieren, ob er am nächsten Donnerstag noch gedruckt wird. Was danach kommt, weiß er nicht. Er hat sich nie um ein Ersatzrad gekümmert.Was um alles in der Welt könnte ihm, was seinen Lesern eine Seite „Tauromachie“ in „Libération“ ersetzen? Sicher keine schmale Spalte in einer Lokalzeitung. Vielleicht ein Buch.

Jacques Durand hat die Ellenbogen auf die Brüstung gelegt, das Kinn auf den Arm gestützt, während er seinen zehntausendundeinsten Stier beobachtet. Er redet nicht, raucht nicht, klatscht nicht, macht keine Notizen. Er wird, komme was wolle, später darüber schreiben.

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