Medien : Arme Marilyn

Susan Stahnke will immer noch ein Superstar werden. Diesmal soll der „Playboy“ helfen

Harald Martenstein

Eigentlich ist das Leben von Susan Stahnke ein Filmstoff. Es wäre eine Tragikkomödie im Stil von Helmut Dietl. Da gibt es also ein Mädchen, viel Disziplin, Einser-Abitur, es studiert Betriebswirtschaft, Tanz und Schauspiel, wird mit 24 Jahren „Tagesschau“-Sprecherin. Dann lernt sie einen Mann kennen, der ihr sagt, sie habe das Talent von Marilyn Monroe. Die junge Frau findet ihren Job bei der „Tagesschau“ inzwischen sowieso langweilig. Sie hat den Job vielleicht zu früh und zu leicht bekommen, nun sagt sie: Ich werde, mit einunddreißig, Filmstar in Hollywood. Sie wird aber die Lachnummer der Nation. Man sagt immer, Ehrgeiz sei gut. Ehrgeiz kann so furchtbar sein.

Es war damals, 1999, der erste Fall von „Deutschland sucht den Superstar“. Nur lief es umgekehrt. Der Superstar suchte Deutschland, ach was, die ganze Welt. Dass Susan Stahnke seitdem immer tiefer im Morast der Peinlichkeit versunken ist, hängt mit Verschiedenem zusammen: mit der uncoolen Verbissenheit, mit der sie und ihr Partner Thomas Gericke ihr Ziel verfolgen, mit dem nicht vorhandenen Gespür für die Grenzen des Geschmacks und die Inszenierung der eigenen Person, mit der Schadenfreude, die sich immer einstellt, wenn jemand den Mund zu voll genommen hat.

Susan Stahnke träumt nur das, wovon fast jeder träumt: groß herauszukommen. Sie hat es aber zugegeben. Und sie kam nicht von ganz unten, sie war schon wer. Beides machte sie tendenziell unsympathisch, im Gegensatz zu Zlatko oder Daniel Küblböck, die immerhin für eine gewisse Zeit echt berühmt wurden. An den Star Stahnke aber glaubt nur „Bild“, niemand sonst. Am Vergleich zwischen Stahnke und Küblböck oder auch zwischen Stahnke und Verona Feldbusch kann man ablesen, wie sich die Idee vom Star demokratisiert hat, nicht nur in Deutschland. Der Star muss einer von uns sein, ganz nah, keine Diva. Er steht neben uns, als großer Bruder oder Schwester, nicht mehr über uns, als Ersatzgott. Herausragendes Talent lässt sich weitgehend durch Selbstironie ersetzen. Entweder bist du sehr gut, oder du bist sehr locker. Eines von beidem muss sein. Disziplin hat auch Feldbusch, aber sie ist klug genug, sich das nicht anmerken zu lassen.

Susan Stahnke wollte nach Hollywood, ließ sich in Strapsen für „Gala“ fotografieren und teilte ihre Kündigung dem Sender in der „Bild am Sonntag“ mit. Sie erklärte, dass sie in Amerika die Ehefrau von Göring spielt und dafür 150 000 Dollar Gage bekommt. Sie sagte, dass ihr der „Playboy“ einen Haufen Geld für Nacktfotos geboten hätte, aber so etwas tue sie grundsätzlich nicht. Der „Playboy“-Chefredakteur dementierte das Angebot. Sie spielte Minirollen in ein paar Serien. Sie machte Werbung für „Lady P.“, das Stehpissoir für die Dame, dem ebenfalls bis heute kein Welterfolg zuteil wurde. Sie erklärte, jetzt suche sie Trost im christlichen Glauben. Dann suchte sie ein Comeback als Moderatorin, in einem Sat-1-Boulevardmagazin, das bald eingestellt wurde. Sie stellte sich für eine öffentliche Darmspiegelung zur Verfügung, was ihr immerhin die Dankbarkeit des Verlegers Hubert Burda eingebracht hat, dessen Sohn an Darmkrebs gestorben ist. Sie versucht ihr Glück mit Fitnessgeräten, der „Susan Fitness Line“. In „Bild“ macht sie sich auf die Suche nach ihrem wahren Vater, der, da ist sie sich ziemlich sicher, ein Multimillionär ist: „Hallo Papa, bitte, bitte, melde dich bei mir.“ Jetzt also hat sie sich doch für den „Playboy“ ausgezogen, diese Karte hatte sie noch im Spiel. Die Fotos sind im Stil des Fotografen Alberto Vargas gemacht, in den Posen der Stars der 50er Jahre. Susan posiert wie Marilyn. Ihr Traum wird wahr. Aber beim „Playboy“ fangen sie ja jetzt auch schon an, die Mitarbeiterinnen von Einzelhandelsketten auszuziehen, den Anfang machen die Girls von der „Wal-Mart“- Kasse.

Selbstdisziplin. Glaube an die eigene Berufung. Geradlinigkeit. Niemals das Ziel aufgeben. Romantik. Humor eher nicht. Nein, Susan Stahnke erinnert überhaupt nicht an Marilyn Monroe. Eher ist sie eine Wiedergeburt von Leni Riefenstahl.

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