Arte-Doku : Breaking Mad

Die Dokumentation "Amerika im Wohnzimmer" zeigt, wie US-Serien unser Leben prägen.

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Dann doch lieber Drogen. In „Breaking Bad“ muss Vater Walter (Bryan Cranston) seine Familie mit Jobs durchbringen.Foto:ZDF
Dann doch lieber Drogen. In „Breaking Bad“ muss Vater Walter (Bryan Cranston) seine Familie mit Jobs durchbringen.Foto:ZDF

Als die Fernsehwelt noch heil war, kam der Vater von der Arbeit nach Hause, immer gut gelaunt, freudig erwartet von Ehefrau und Kindern. Die wenigen Probleme wurden harmonisch gelöst bei den Andersons aus der 1950er-Serie „Father Knows Best“, die auch in Deutschland unter dem Titel „Vater ist der Beste“ ausgestrahlt wurde. Fürsorgende Väter und Mütter gibt es immer noch, nur mit der heilen Welt hapert's. „Die Ironie ist, dass es für Walter White nichts Wichtigeres gibt als die Familie“, sagt „Breaking Bad“-Autor Vince Gilligan. Walter, ein todkranker Chemielehrer, der ins Drogengeschäft einsteigt, versuche seine Familie zu retten „und ruiniert sie dabei“ (Gilligan). Zurzeit ist die dritte Staffel von „Breaking Bad“ bei Arte zu sehen.

Zwischen dem braven Jim Anderson und Walter White, zwischen der treuen Margaret Anderson und der tablettensüchtigen, den Ehemann mit dem Krankenhausapotheker betrügenden Jackie Peyton in „Nurse Jackie“ (bei RTL Nitro) liegen Jahrzehnte und ein radikaler Wandel in den Rollenbildern von Männern und Frauen. TV-Serien sind eben auch Zeit- und Kulturgeschichte. Die vierteilige Dokumentar-Reihe „Amerika im Wohnzimmer“ ist allerdings nicht auf deutsche Nostalgiebedürfnisse zugeschnitten. Dennoch sind diese zum Teil raffiniert montierten Themenfilme ein Fest für Serien-Junkies. Arte zeigt heute die ersten beiden Folgen „Der Herr im Haus“ und „Die unabhängige Frau“. Eine Woche darauf folgen „Die Sonderlinge“ und „Die modernen Kreuzritter“.

Mehr als 100 Interviews mit Schauspielerinnen und Schauspielern, Autorinnen und Autoren, Produzenten und Managern werden unkommentiert mit im Originalton gezeigten Szenen aus Serien und Sitcoms montiert. Die Liste der Prominenz ist lang und angesichts des Schnitttempos geeignet, beim Zusehen einen leichten Schwindel zu erzeugen. Hier ein Auszug: die Autoren David Lynch („Twin Peaks“), Alan Ball („Six Feet Under“) und David Chase („The Sopranos“), die Schauspielerinnen Sarah Jessica Parker („Sex and the City“), Roseanne Barr („Roseanne“) und Edie Falco („The Sopranos“, „Nurse Jackie“), die Schauspieler Alec Baldwin („30 Rocks“), Jon Hamm („Mad Men“) und Bryan Cranston („Breaking Bad“). Die Perspektive ist amerikanisch und etwas selbstverliebt. Dass „All in the Family“, eine erfolgreiche 1970er-Sitcom um einen reaktionären Familienvater aus der Arbeiterklasse, vom britischen Vorbild „Till Death Us Do Part“ adaptiert wurde, wird nicht erwähnt. Unschwer zu erkennen ist, dass der Stoff in Deutschland ankam: Wolfgang Menge schuf nach dem Vorbild die Serie „Ein Herz und eine Seele“. Sympathisch sind die Liebeserklärungen der Macher an das Medium Fernsehen – ein Selbstlob, das angesichts der Vielzahl hochwertiger US-Serien der vergangenen Jahre nicht ganz ungerechtfertigt erscheint. Thomas Gehringer

„Amerika im Wohnzimmer“; Arte, ab 22 Uhr

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