Arte-Doku : Die Stasi suchte ein Flugblatt

Ein Flugblatt in der HU versetzte 1968 die Stasi in Panik und veranlasste sie zu einer großen Fahndungsaktion. Dauer: vier Jahre. Kosten: eine Million Mark. Ergebnis: gar keins. Dafür ist ein köstlicher Film aus der Geschichte entstanden.

Kerstin Decker
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Die Stasi bei der Arbeit, nachgestellte Doku-Szene. -Foto: Arte

Im Spätherbst 1968 fanden Studenten der Berliner Humboldt-Universität in ihrem Hörsaal zum ersten Mal ein Schriftstück, das man in der DDR nicht alle Tage zu sehen bekam: ein Flugblatt. Darauf stand kein Aufruf zum Sturz des Weltkommunismus oder der Regierung. Das Flugblatt sprach vielmehr – nach einer allgemeinen Unmutsbekundung über die Lage der Nation – die Empfehlung aus, einer bestimmten Lehrveranstaltung fernzubleiben: „Geht nicht mehr zu dieser Gewi-Vorlesung!“ „Gewi“ waren die Gesellschaftswissenschaften, eine Grundlagendisziplin wie einst Theologie und Metaphysik, Pflicht für jedermann, egal was er studierte. Hauptautoren: Marx, Engels und Lenin in der Fassung, die sogar die Partei- und Staatsführung der DDR verstand. Die Flugblatt-Verantwortlichen Rainer Schottlaender und Michael Müller studierten Physik. Ein paar Straßen weiter westlich riefen Studenten gerade zu ganz anderen Dingen auf – was also rechtfertigt heute, die Geschichte eines schon damals kaum beachteten Flugblattes zu erzählen? Seine Wirkung!

Denn einen gab es doch, den das Schriftstück erschreckte: die Staatssicherheit. Das auf einer alten Schreibmaschine getippte Blatt – 20 mal 14 cm groß, 3 Gramm schwer, mit einfachsten Mitteln vervielfältigt – löste eine der größten Fahndungsaktionen in der Geschichte der DDR aus. Dauer: vier Jahre. Kosten: eine Million Mark. Ergebnis: gar keins.

Die Filmemacherin Gabriele Denecke hat gemeinsam mit den beiden Autoren von damals minutiös rekonstruiert, wie es der Staatssicherheit gelang, so viel Geld und Zeit auszugeben. Es ist die Rekapitulation einer Groteske. Rainer Schottlaender, Sohn des bekannten Philologen und HU-Professors Rudolph Schottlaender, und der Zittauer Pfarrerssohn Michael Müller stehen nicht als Opfer vor der Kamera, sondern als Herausforderer eines ganzen Staatswesens, die ihre Tat um keinen Preis missen möchten. Zwei Möglichkeitsmenschen.

Und was lernen wir daraus? Vielleicht, dass die Wahrheit über die Staatssicherheit immer paradox bleiben wird. Das Paradox ist eine Wahrheitsform, für die die Gegenwart leider fast so wenig Sinn hat wie früher die DDR. Wer von der Staatssicherheit als vom „größten Geheimdienst in der Geschichte der Menschheit“ (Ost-Experte Florian Henckel von Donnersmarck) spricht, sollte diese Größe eben auch – für Momente nur – als Eingeständnis einer kolossalen Ohnmacht lesen können. Als Ausdruck der übergroßen Angstneurose eines Staates vor seinen Bürgern. Das ändert nichts am Ergebnis, wohl an der Deutung. Nicht nur Stärke macht aggressiv, Schwäche oft auch. Die Geschichte der DDR ist ein gutes Beispiel dafür. Ebenso wie die Geschichte dieses Flugblatts. Denn die beiden Autoren wiederholten ihre Aktion noch ein paar Mal, ehe sie die Schreibmaschine endgültig bei Müllers Vater in der Zittauer Kirche unterstellten. Und die boykottunwilligen Kommilitonen? Lauter Versager, ganz und gar unempfänglich für den Frühling in Prag? Sie konnten frei wählen: entweder alles studieren oder gar nichts mehr. Vielleicht sind die Wirklichkeitsmenschen, die einen Buckel machen vorm Realitätsprinzip, allzeit in der Überzahl. Umso wichtiger, dass es immer wieder Schottlaenders und Müllers gibt.Kerstin Decker

„Allein gegen die Stasi oder das teuerste Flugblatt der Welt“,

Arte, 21 Uhr 55

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