Arte-Doku über depressive Kinder : Fluchtpunkt Klinik

Wenn Selbstmordgedanken das Leben bestimmen – eine Arte-Dokumentation über Depressionen bei Kindern.

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Laura wollte sich nicht eingestehen, dass sie unter Depressionen leidet. Foto: Arte
Laura wollte sich nicht eingestehen, dass sie unter Depressionen leidet. Foto: ArteFoto: © WDR

„Ich bin bombastisch glücklich“, behauptet der zehnjährige Luis am Weihnachtsabend. Er ist mit den Geschenken zufrieden und freut sich, wieder einmal bei der Mutter zu sein statt in den weißen Räumen der Station, die fast sein zweites Zuhause geworden ist. Wenige Stunden später läuft er Hals über Kopf ins Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zurück. Ähnlich geht es der siebzehnjährigen Laura, die in gebessertem Zustand entlassen wurde. Nach einer Klassenfahrt stellen sich die alten Symptome wieder ein: das Gefühl innerer Leere, die Angst und der Wunsch, dem Leben ein Ende zu setzen. Ungeduldig wartet Laura auf den Tag, an dem die Klinik sie wieder aufnehmen wird wie ein schützendes Refugium.

Die Symptome sind unterschiedlich, die Grunderkrankung ist die gleiche: Depression. Luis versteckt sie, wie es in diesem Alter oft beobachtet wird, hinter aggressiven Ausbrüchen. Laura hingegen scheint die Krankheit ins Gesicht geschrieben, wenn sie überlegt, ob es besser sei, sich am Tag oder besser in der Nacht vor eine S-Bahn zu werfen. Täglich unternehmen in Deutschland zwei Kinder einen Selbstmordversuch, erfährt man – ein erschreckender Zustand seit Jahren.

Die Autorin Andrea P. Dubois durfte Luis und Laura mit Einverständnis der Klinikleitung, der Eltern und der Kinder selbst über mehrere Monate beobachten. Sie war dabei, als Luis wieder mal mit seinen Freunden auf dem Spielplatz oder durch die langen Gänge der Kinderpsychiatrie tobte. Ein andermal hört er gespannt zu, wie während seines unangemeldeten Ausflugs in die Stadt alle in großer Sorge um ihn waren, auch seine Mutter, von der er sich in der Vorgeschichte nicht immer angenommen fühlte. Die häuslichen Verhältnisse kann der Film nur streifen, doch scheint hier in beiden Fällen zumindest ein Teil der Krankheitsursache zu liegen. Bei Laura wie Luis sind allein die Mütter präsent. Ist die Depression bei Kindern Symptom einer zunehmend vaterlosen Erziehung? Erstaunlicherweise spielen solche, für den Laien auf der Hand liegenden Fragen in den Diagnosebefunden des Oberarztes oder in dem viel zu lang geratenen Kommentar des Films keinerlei Rolle. „Es wird geredet, geredet, nochmals geredet. Und dann reden wir noch mal“, sagt Luis in seiner umwerfend direkten Art über die tägliche Therapie. Vielleicht trifft dies auch auf die Methode des Films zu, der sich nicht traut, bei den erkrankten Kindern zu bleiben, sondern immerfort Erklärungen nachschieben will, als müsse der Zuschauer an die Hand genommen werden. Musik überspült die Bilder, eine animierte Feder schwebt über einen still ruhenden See, aber davon wird den Kindern nicht besser. Hans-Jörg Rother

„Ich will ja einfach gar nicht sterben“. Depressionen bei Kindern. Arte, Dienstag um 23 Uhr 30

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