Arte-Doku über Milli Vanilli : Aufstieg und Untergang des neuen Elvis

Eine Arte-Doku über Frank Farians Castingband Milli Vanilli und ihren Frontmann Robert Pilatus - der dabei einen Teil seiner Würde zurückbekommt.

Manfred Riepe
Musikalische Eulenspiegelei: Nach Boney M. war Milli Vanilli mit Robert Pilatus (links) und Fabrice Morvan der größte Erfolg von Frank Farian (Mitte).
Musikalische Eulenspiegelei: Nach Boney M. war Milli Vanilli mit Robert Pilatus (links) und Fabrice Morvan der größte Erfolg von...Foto: Arte/Milli Seegieth

„Wenn man den Amerikanern ihre eigene Coca Cola verkaufen will, dann muss alles stimmen.“ Mit diesem schlitzohrigen Statement kommentiert Frank Farian das Konzept der Castingband Milli Vanilli. Drei Nummer-eins-Hits machten das Discopop-Duo, von Farian am Reißbrett entworfen, Ende der achtziger Jahre zur erfolgreichsten deutschen Band in den USA. Frontmann Robert Pilatus verlor dabei rasch die Bodenhaftung. Großmäulig erklärte er im Interview, er sei talentierter als Bob Dylan, Paul McCartney und Mick Jagger zusammen: „Ich bin der neue Elvis.“

Hochmut kommt vor dem Fall, der nicht lange auf sich warten ließ. Als während eines Liveauftritts das Playback wie eine Schallplatte hing, erlebten 80 000 Zuschauer live mit, dass Pilatus und sein Partner Fabrice Morvan gar nicht selbst sangen. Die beiden mussten ihren Grammy zurückgeben und schlitterten in den wohl peinlichsten Skandal der Pophistorie. Erzählt wurde die Geschichte bislang aus der Boulevardperspektive. Frank Farian, dem nach seinem Boney-M-Erfolg ohnehin das Image des zwielichtigen Tricksers anhaftete, galt nun als skrupelloser Popdemiurg, der über Leichen geht: Tatsächlich endete für Robert Pilatus die Abwärtsspirale aus Depressionen und Misserfolgen 1998 in einem Hotelzimmer, wo der 32-Jährige sich wenigstens im Alkoholtod einem echten Rockstar anverwandelte.

„Milli Vanilli: From Fame to Shame“ erzählt diese Geschichte aus einer neuen Sicht. Die dicht gewobene Dokumentation will den Etikettenschwindel um Farians ferngesteuerte Boygroup keinesfalls rechtfertigen, macht aber zweierlei deutlich: Die Musik war nicht zufällig erfolgreich, und die beiden Frontmänner hatten ein gewisses Charisma. Mit einer Fülle von Archivaufnahmen und Gesprächspartnern aus der Branche rekonstruiert Oliver Schwehm, wie der junge Franzose Fabrice Morvan den Breakdancer Robert Pilatus kennen lernte. Gemeinsam wirkten die androgyn aussehenden Schwarzen elektrisierend auf Mädchen. Ralph Siegel versuchte das Duo zu vermarkten, doch der Durchbruch kam erst mit Frank Farian.

Als Kind in eine Mülltonne gesteckt

Neben dieser musikalischen Eulenspiegelei zeichnet die vielschichtige Dokumentation auch den Werdegang des jungen Pilatus sensibel nach. Der Junge aus dem Kinderheim in Oberammergau, von seinen Eltern zur Adoption freigegeben, wurde als Kind in die Mülltonne gesteckt. Mitschüler drückten ihm fünf Mark in die Hand, weil sie seine Rastalocken anfassen wollten. Ein Freund aus Münchener Zeiten erinnert sich an den „pfeilschnellen Rechtsaußen“, nach dem angeblich schon Dettmar Cramer – damals Trainer des FC Bayern München – seine Fühler ausgestreckt hatte.

Der charmante Paradiesvogel, ein Wanderer zwischen den Welten, war mit einigen Talenten gesegnet, wollte aber unbedingt ein authentischer Soulsänger sein. Wenn er den Mund öffnete, klang seine bajuwarische Stimme dummerweise wie Franz Beckenbauer. Bei Fernsehauftritten imitierte er die Lippenbewegungen so akribisch, dass sogar der Studiosänger Brad Howell, der den Hit „Girl You Know It’s True“ für Farian eingespielt hatte, verblüfft war. Die Musikbranche und das Publikum wollten die märchenhafte Geschichte dieser Multi-Kulti-Außenseiter nur zu gerne glauben. Hätte das Duo auch Erfolg gehabt, wenn man vorher gewusst hätte, dass die sympathischen Jungs nur Marionetten sind? Diese Frage will der sehenswerte Film gar nicht beantworten. Zu Herzen geht die Doku, weil sie die lächerliche und die tragische Dimension einer verunglückten Karriere differenziert ausleuchtet. Der gefallene Engel Robert Pilatus bekommt dabei ein Teil seiner Würde zurück.

„Milli Vanilli: From Fame to Shame“, Arte, Samstag, 22 Uhr

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