Arte-Doku über Samy Amimour : Dem Attentäter auf der Busspur

Ein Arte-Film fährt mit der Buslinie 148 durch die Pariser Vorstädte. Einer der Busfahrer war auch Samy Amimour, der später mit anderen Terroristen im Bataclan 90 Menschen erschoss

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Passagier an einer Haltestelle der Buslinie 148, die durch die Pariser Périphérique führt.
Passagier an einer Haltestelle der Buslinie 148, die durch die Pariser Périphérique führt.Foto: Maurice Weiss/Ostkreuz/Medea

Im Nordosten von Paris verkehrt die Buslinie 148 zwischen den Gemeinden Bobigny und Le Blanc-Mesnil. Es ist eine Fahrt durch Hochhaus-Gebirge, schmucke Plätzchen wie das vor dem Rathaus Drancy mit Springbrunnen und Charles-de-Gaulle-Denkmal sieht man selten. Der Dokumentarfilm „Endstation Bataclan“ nimmt sein Publikum mit auf eine Fahrt durch diese Pariser Vorstädte, die Banlieues, in denen lange Zeit die Kommunisten die Bürgermeister stellten. Die Haltestellen tragen die Namen Lenins oder französischer Widerstandskämpfer. Auch Samy Amimour lenkte eine Weile den Bus Nummer 148, ehe er sich radikalisierte, in den Jemen und nach Syrien reiste und schließlich am 13. November 2015 im Pariser Konzertsaal Bataclan gemeinsam mit zwei anderen Terroristen 90 Menschen erschoss.

Amimour ist in Drancy aufgewachsen, die Eltern, die einen liberalen Islam praktizieren, leben immer noch hier. Regisseurin Grit Lederer und Autor Alexander Smoltczyk, ein Reporter des „Spiegel“, lassen die Bewohner der Banlieues von Geschichte und Alltag erzählen: Der Rapper Dahood Poulares zum Beispiel erinnert daran, dass Albert Uderzo und René Goscinny in Bobigny die Asterix-Figur erschaffen hätten. „Wir nennen es das gallische Dorf“, sagt Poulares und nennt Bobigny grinsend eine „Heldenstadt“. „Der Typ“ passe da nicht rein. Gemeint ist Bataclan-Attentäter Amimour, von dem hier vielfach die Rede ist, aber um dessen Biografie es nur am Rande geht. Dass einmal der Briefkasten „Amimour“ gezeigt wird, ist schon fast zu viel. Auch die im Kommentar vorgenommene Einordnung „Busfahrer und Massenmörder“ klingt unnötig nach Boulevard-Schlagzeile.

Banlieue ist keine Stadt der Verdammten

Denn eigentlich reflektiert der Film unaufgeregt das Leben in den Banlieues. Zwischen den Interviews bewegt er sich in Zeitlupen-Bildern, der Blick wandert langsam durch die Viertel, ruht auf Passanten und Straßenszenen, aufgenommen durch die Fenster des Busses Nummer 148, begleitet von einem Kommentar des Autors, gesprochen von Schauspieler Ulrich Matthes. „Die Menschen an der Strecke waren seine Mitmenschen“, textet Smoltczyk über Amimour. „Und das sind nicht nur Verlierer und Verzweifelte, ganz und gar nicht. Die Banlieue ist keine Stadt der Verdammten.“ Der Film arbeitet gegen die Klischees, ohne die Gegensätze und Konflikte zu leugnen. Leidenschaftlich wendet sich Imam Hassen Chalghoumi, der hier nur unter Polizeischutz leben kann, gegen die islamistische „Gehirnwäsche“ von Jugendlichen. Amina Khali, eine Französin algerischer Abstammung, setzt sich in der Lokalpolitik für ihr Viertel ein. „Im Fernsehen sagen sie, das sei hier die Bronx“, aber es gebe viele junge Leute, die es geschafft hätten, betont sie.

Zweimal verlässt der Film die Bus-Route. Zum einen suchen Smoltczyk und Lederer eine ehemalige Busfahrerin irgendwo auf dem Lande auf. Sie musste sich selbst ausbürgern, sagt sie, weil sie es nicht mehr ausgehalten habe. Manche ihrer männlichen muslimischen Kollegen „weigerten sich, das Lenkrad nach einer Frau anzufassen oder sich auf ihren Sitz zu setzen – der reine Irrsinn“. In ihrer Wut droht die einst engagierte Kommunistin damit, dass das Volk irgendwann zu den Waffen greifen werde. Smoltczyk lässt auch eine solche Aussage unkommentiert stehen, kontert aber mit der Geschichte der 85 Jahre alten Yvette Sauvage, ebenfalls Kommunistin, die nicht weggezogen ist, sondern Einwanderer-Kindern Lesen und Schreiben beibringt.

Der zweite Abstecher führt nach Israel, wohin der 1942 in Algerien geborene Jude Sammy Ghozlan, ein ehemaliger Polizei-Kommissar, im vergangenen Jahr ausgewandert ist. Vertrieben vom wachsenden Antisemitismus an einem Ort, von wo aus einst die Transporte nach Auschwitz gingen: Drancy. „Verwirrende Banlieues“, hört man Ulrich Matthes sagen. „Überladen mit Geschichten wie der Bus, der sie durchquert: Die Shoah, Algerien, Syrien – was für eine Last, was für eine wertvolle Fracht.“

„Endstation Bataclan“; Arte, Dienstag, 22 Uhr 10

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