Arte-Dokumentation : Auf Punk-Wallfahrt mit Campino

„London’s Burning“: In der Arte-Dokumentation besucht Tote-Hosen-Sänger Campino die Helden des Punk. Selbst dabei spielt Donald Trump eine Rolle.

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Für immer Rebellion? Campino (links) und TV Smith von den Adverts. 
Für immer Rebellion? Campino (links) und TV Smith von den Adverts. Foto: Arte

Man mag das kaum glauben, dass Punk und seine Anfänge vierzig Jahre her sein sollen. Punk? Schon so alt? Das liegt womöglich daran, dass der Punk nie wirklich gestorben ist und weiter seinen Einfluss ausübt. Oder wie es Mike Clewley, Leiter für den Kulturtourismus im Londoner Rathaus in bester Werbemanier formuliert: „Die Punk-Kultur findet sich nicht nur in aktueller Popmusik, in der Grime-Szene zum Beispiel, sondern in Mode, Design, Technik. Punk ist Teil der Londoner Persönlichkeit, auch ein Teil des britischen Nationalerbes.“ Clewley sagt das auf einer Terrasse stehend, mit malerischem Blick auf die Tower Bridge, zu Campino, dem Mastermind der Toten Hosen, der sich für die Arte-Produktion „London’s Burning“ auf die Spuren des Punk gesetzt hat, vor allem die historischen, versteht sich.

Campino hat sich dafür mit Musikern der ersten Punkstunden getroffen, mit Bob Geldorf von den Boomtown Rats, Tim „TV“ Smith von den Adverts, Charlie Harper von den UK Subs oder Viv Albertine von den Slits. Aber auch mit anderen Künstlern, dem Filmemacher Julian Temple, der den ersten Film über die Sex Pistols drehte, dem Autor Chris Sullivan oder dem Fotografen Derek Ridley.

Am Anfang waren es 150 Leute

Sie alle erzählen Campino, wie es anfing mit dem Punk. Wie die britische Wirtschaft daniederlag, der Müll durch die Straßen fegte, die Gesellschaft durch und durch patriarchisch war („wie in den vierziger Jahren“, so die kluge Viv Albertine). Dass er eigentlich zunächst nur aus einer Szene von 100, 150 Leuten bestand und viel mehr als ein Musikstil war, sondern: eine Haltung. Und dass es ihn vor 1976 schon gegeben hatte, in den Staaten, vor allem in New York City, im legendären CBGBs, mit Musikern wie Richard Hell, Patti Smith oder den Ramones.

Nur „brach“ Punk, wie es so schön heißt, 1976/77 eben in England, weil das Land kleiner als die USA ist und die USA nicht New York sind. England hatte zu der Zeit fünf Musikzeitschriften, die das Land mit Pop, Musik und Lifestyle versorgten, Punk wurde hier zu viel mehr als einer Kunstbewegung, er betraf die ganze Gesellschaft. Der Sex-Pistols-Auftritt bei Bill Grundy bewegte England tagelang: „Die Welt war danach für viele unter 25 eine andere“, schlussfolgert der Grafiker und Kunstkritiker Paul Gorman.

Etwas Frankreich ist bei Arte Pflicht

Die Gespräche, die Campino führt, sind erhellend, ergiebig und zeigen die vielen Facetten von Punk. Alle Musiker und Künstler verstehen es, die Bewegung, ihre eigene Jugend, ihre damalige Haltung klug zu reflektieren; auch die vielen Dokumentaraufnahmen von „London’s Burning“ sind ein Gewinn. Ungelenk, ein bisschen wie Schulfernsehen und sprachlich schwach ist leider nur gerade zu Beginn das Bemühen, den historischen Hintergrund von Punk mitabzubilden: Willy Brandt, der in der Bundesrepublik, „Friedensgespräche mit ehemaligen osteuropäischen Gegnern führt“, die RAF, der Beginn des Atomenergieprogramms in Frankreich, der letzte Kriminelle, der durch die Guillotine hingerichtet wird (nun gut, der Film läuft bei Arte, es muss Schlenker nach Frankreich geben). Und aus dem Off sagt jemand, dass „die junge Generation sich auflehnt und ihre Rebellion in Form provozierenden Verhaltens zum Ausdruck bringt“. Oder Campino behauptet, Punk habe „frischen Wind in die Männerwelt der Rockmusik gebracht“ – eine Behauptung, für die hier zunächst nur Viv Albertine steht, Punk war schon sehr männlich! Lustig wiederum sind Einspieler anderer zeitgenössischer Musik (Dorthe, Pussycat), Humor hat dieser Film, Punk-Humor, könnte man sagen. Auch wenn Campino mit Charlie Harper auf der Bühne steht oder TV Smith im leeren Roundhouse seinen ersten Hit „Gary Gilmore’s Eyes“ singt, ist so sehenswert wie die Verweise auf junge Punkbands wie Maid of Ace, Skinny Girl Diet und die Ramonas konsequent sind, übrigens alles Mädchenbands: Punk lebt.

Am Ende fragt Campino trotzdem nach seiner aktuellen Relevanz. Julien Temple antwortet ihm, dass Punk weiter da draußen lauere, wie ein Untoter, der darauf wartet, wieder hervorzukommen: „Die Kids müssen mit etwas konfrontiert werden, das sie nicht für möglich gehalten hätten. Mit einem wie Donald Trump, nur im Positiven.“ Und dann sagt Temple noch, von Campino darauf hingewiesen, dass Trump womöglich US-Präsident werde: „Ja, das wäre es, dann bricht die Hölle aus!“ Eine Art New Punk als Antwort auf Trump – wenn das kein Punk-Gedanke ist!

„London’s Burning: Campino auf den Spuren des Punk“, Arte, Samstag, 22 Uhr 50; „No Future! Als der Punk Wellen schlug“, 0 Uhr 15; „Berlin Live: The Damned“, 1 Uhr 10

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