Arte-Dokumentation : Der mit dem Gartenblick

Bis zum Juni 20007 regierte Tony Blair in Großbritannien. Zuerst war er unglaublich populär, dann genau unbeliebt. Eine Arte-Dokumentation bilanziert "Die Ära Tony Blair".

Thomas Gehringer
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Tony Blair. -Foto: Arte

Er hat Charisma, dieser junge Politiker. Er verspricht den Wandel, den Weg in eine neue Zeit. Das Ende der Regierungszeit der Konservativen ist nahe – dank Barack Obama? Nein, gemeint ist Tony Blair. Am 1. Mai 1997 brachte er Labour nach 20 Jahren Opposition mit einem überwältigenden Sieg in Großbritannien wieder an die Macht, und die Stimmung von damals ähnelt verblüffend dem heutigen Hype um Barack Obama, wobei in Amerika ja alles auch noch ein Stück größer ist.

Bis zum Juni 2007 hat Tony Blair regiert, war im eigenen Land unglaublich populär und später ebenso unbeliebt. Er hat mit Unterstützung von Bill Clinton das Blutvergießen in Nordirland gestoppt und ist an der Seite von George W. Bush in den Irakkrieg gezogen. Er hat die Wirtschaft modernisiert, ist aber durchaus auch mit manchen seiner Reformen gescheitert. „Großbritannien geht es besser, aber die Kluft zwischen Arm und Reich ist größer geworden“, bilanziert Autor Paul Mitchell in seiner zweiteiligen Dokumentation „Die Ära Tony Blair“heute Abend auf Arte.

Erstaunlich, wie viele Berater Blair im Lauf der Zeit verschlissen hat. Eine etwas unübersichtliche Zahl lässt Mitchell in der Dokumentation aufmarschieren. Außerdem treten Politiker wie US-Außenministerin Condoleeza Rice sowie Schlüsselfiguren wie der von Blair zweimal gefeuerte Peter Mandelson oder Ex-Labour-Chef Neil Kinnock auf. Wunderbar süffisant bringt sich bisweilen Clare Short, die ehemalige Entwicklungshilfeministerin, ein.

Als es beispielsweise um die Frage der Beteiligung am Irak-Feldzug ging, hätte eigentlich eine Regierungskommission einberufen werden müssen, „aber Tony macht das allein – auf dem Sofa“, sagt Short spitz. Sehr schön auch die Erinnerung von Margaret Jay, damals Präsidentin des Oberhauses, die von Blairs „Gartenblick am Kabinettstisch“ berichtet. An Visionen mangelte es Blair nicht, nur wenn es allzu sehr ins Detail ging, verlor er das Interesse, dann „schweiften die Augen ab in den Garten“.

Der Autor bleibt jedoch sachlich und differenziert. Tony Blair erscheint hier unkonventionell und ungeduldig, von moralischen und religiösen Werten getrieben, aber er konnte ungewöhnliche Härte zeigen und betrieb Politik so, wie er es als Anwalt gelernt hatte: emotionslos. Dabei hatte er ein brillantes Gespür für die Stimmung in der Bevölkerung, wie auch seine Rede nach dem Unfalltod von Lady Di, der „Prinzessin des Volkes“ (Blair), bewies.

Neben weiteren historischen Ereignissen – den Nordirland-Verhandlungen, dem Kosovo-Krieg, dem 11. September 2001 und den Terrorangriffen von London im Juli 2005 – rückt Mitchell Blairs fortwährenden Zweikampf mit seinem jetzigen Amtsnachfolger Gordon Brown in den Mittelpunkt, etwa bei der Einführung des Euro, die Brown verhinderte. Typisch britisch: Europa kommt ansonsten kaum vor, Deutschland auch nicht, und das wundersame „Schröder-Blair-Papier“ schon gar nicht.

„Die Ära Tony Blair“, Arte, 21 Uhr

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