Arte-Film : „1913“, Strawinskis „Le Sacre du Printemps“ als Soundtrack

Der Tanz auf dem Vulkan - 13 Kapitel zum letzten Friedensjahr des alten Europa vor der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“.

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Stilbildend: Tero Saarinens Inszenierung von „Le Sacre du Printemps“. Foto: Arte
Stilbildend: Tero Saarinens Inszenierung von „Le Sacre du Printemps“. Foto: ArteFoto: © Marita Liulia/T. Saarinen Com

Das Jahr 1913 hat schon immer Faszination hervorgerufen, als letztes Friedensjahr des alten Europa vor der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Die Idee, dieses Jahr zum Ende der Tradition und Anbruch der Moderne zu stilisieren, liegt auf der Hand. Nicht ganz so auf der Hand liegt, wie der enorme Stoff, der sich bei genauerem Hinsehen auftürmt, zu bewältigen wäre, schon gar in den 90 Minuten, die Dag Freyer für seinen Dokumentarfilm zur Verfügung standen.

Freyer und seine fünf Koautoren wollten viel. 13 Kapitel haben sie bearbeitet, die von der Monarchie bis zu späteren Diktatoren, vom Reformkleid bis zum Hochhaus, von Freud bis Alma Mahler reichen. Im Zentrum des Films „1913: Der Tanz auf dem Vulkan“ allerdings stehen Igor Strawinski und sein Ballett „Le Sacre du Printemps“, uraufgeführt im Pariser Théatre des Champs-Elysées durch die Ballets Russes von Serge Dhiagilev.

Als „Tanz des Jahrhunderts“ wird der „Sacre“ bezeichnet, mit der „Kraft, die Welt zu erschüttern“. Erschüttert hat er zunächst das Pariser Premierenpublikum, das sich bald darauf, als der „Sacre“ nur mehr konzertant aufgeführt wurde, versöhnlich zeigte. Nicht Arnold Schönberg steht im musikalischen Mittelpunkt, dessen berüchtigtes „Watschenkonzert“ im Frühjahr 1913 einem Tumult im Wiener Musikvereinssaal regelrecht zum Opfer fiel – es wird im Fim nicht einmal erwähnt –, sondern Strawinski. Und er steht so sehr im Mittelpunkt, das sich die Unwucht dieses Episodenfilms bald störend bemerkbar macht. Was wollte Freyer? Im „Sacre“ und den Ballets Russes das Jahr wie in einem Brennglas fassen oder aber die Vielfalt des kulturellen Aufbegehrens essayistisch auffächern?

Es beginnt mit hübschen Aufnahmen vom Glanz der Monarchien, Wilhelm II. feiert 25-jähriges Thronjubiläum, Nikolaus II. drei Jahrhunderte Romanows. Dann kommen schon die Ballets Russes, auch Ozeandampfer und Aeroplane, aber immer wieder Nijinsky, „der Gott des Tanzes“, und eben der Komponist. Mit der Chronologie nimmt’s der Film ohnehin nicht immer genau, manchmal sieht man spätere Automobile oder Herrenhüte, und wo Filmmaterial fehlt, wie beim Kapitel „Kranke Dichter, kranke Welt“, dürfen (schlechte) Schauspieler auftreten. Kafka steht für Vatermord, Musil für die Unfähigkeit zu arbeiten, Proust zieht sich in das innere Exil seines Schlafzimmers zurück. „Als Vorbilder dienen ihm Adelige, Künstler und die Tänzer der Ballets Russes“, heißt es – und der Film ist wieder bei seinem eigentlichen Thema.

Das aber schwillt nun an, es geht um die Rekonstruktion der verlorenen Choreografie Nijinskys, auch Sasha Waltz darf sich dazu äußern. Überhaupt wimmelt der Film von eingeblendeten Experten, die jedoch nicht der ersten Garde jener zuzählen, die man mit dem jeweiligen Thema identifizieren würde, von Ausnahmen wie dem Hamburger Ballettchef John Neumeier abgesehen.

Zwischendurch gibt’s auch ein bisschen Zeichentrickfilm, wenn nämlich über Hitler und Stalin spekuliert wird, die beide eine Weile in Wien lebten und „Entspannung im Schönbrunner Schlosspark suchten“. Womöglich hat dabei Stalin dem malenden Hitler einmal über die Schulter geschaut? Was für eine Frage.

Am Ende stirbt Dhiagilev 1927, weil „der Diabetiker sich weigert, ein neues, ihm unbekanntes Medikament einzunehmen: Insulin“. Strawinski stirbt erst 1961, aber „beigesetzt wird er in Venedig, ganz in der Nähe von Dhiagilev“. So viel zu einem Markstein der Ballettgeschichte. Nur das Jahr 1913, das war denn doch mehr als ein Skandal auf der Ballettbühne. Bernhard Schulz

„1913: Der Tanz auf dem Vulkan“, Arte, 20 Uhr 15; um 22 Uhr 45 zeigt Arte die Neuinterpretation des „Sacre du Printemps“ von Sasha Waltz im Pariser Théatre des Champs-Elysées

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