Arte-Thriller "Occupied" : Als die Russen Norwegen besetzten

In der Serie „Occupied - Die Besatzung“ wird Norwegen von Russland besetzt – im Auftrag der Europäischen Union. Auch in der Realität ist das Verhältnis zwischen dem skandinavischem Land und seinem mächtigen Nachbarn angespannt.

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Nicht zu beneiden: Norwegens Staatschef Jesper Berg (Henrik Mestad, 2.v.l.) muss seinen Landsleuten die russische Besatzung verkaufen, um einen Krieg zu verhindern.
Nicht zu beneiden: Norwegens Staatschef Jesper Berg (Henrik Mestad, 2.v.l.) muss seinen Landsleuten die russische Besatzung...Foto: Arte

Der norwegische Autor Jo Nesbø traut seinen russischen Nachbarn eine ganze Menge zu, in den meisten Fällen sind es keine positiven Eigenschaften. In seinen Kriminalromanen der Harry-Hole-Reihe spielt die russische Drogenmafia eine bedeutende Rolle. Doch Nesbø kann nicht nur Krimi. Nach einer Idee von ihm entstand die zehnteilige TV-Serie „Occupied – Die Besatzung“. Auch darin wird kein besonders nettes Russlandbild gezeichnet, denn Norwegen wird in diesem Zukunftsdrama vom übermächtigen Nachbarn besetzt – in Abstimmung und im Auftrag der Europäischen Union.

Obwohl dieses spezielle Szenario derzeit eher unwahrscheinlich ist, darf die internationale Koproduktion unter Beteiligung von Arte durchaus in einem Atemzug mit der überaus erfolgreichen schwedisch-dänischen Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“ genannt werden. Ganz so weit von der Realität entfernt ist das Thema Okkupation ohnehin nicht. Als Nesbø die „Occupied“-Idee zu Papier brachte, marschierte Russland gerade auf der Krim ein.

Zur Ausgangslage von „Occupied“: Norwegen ist als Energielieferant für die Mitgliedstaaten der Europäischen Union unverzichtbar. Der neue norwegische Ministerpräsident Jesper Berg (Henrik Mestad) ist mit dem Versprechen ins Amt gekommen, seine Politik an den ökologischen Notwendigkeiten auszurichten, sprich auf fossile Energieträger zum Schutz der Umwelt zu verzichten. Doch Norwegen will in der TV-Serie künftig nicht nur selbst ohne die Nutzung von Erdgas auskommen, sondern vielmehr die komplette Produktion von Gas und Öl aussetzen. Stattdessen soll Thorium – ein Mineral benannt nach dem Gott Thor – nicht nur Norwegen, sondern ganz Europa mit Energie versorgen.

Das reale Russland ist not amused

Die Europäische Union reagiert auf diese Ankündigung alles andere als erfreut – von jetzt auf gleich können nicht Millionen von Autos umgestellt werden, um nur ein Beispiel zu nennen. Die EU will Norwegen darum zwingen, den alten Status quo wiederherzustellen. Mithilfe von Russland wird Norwegen die militärische Okkupation angedroht. Um Regierungschef Berg den Ernst der Lage zu verdeutlichen, wird er kurzzeitig entführt. Die Botschaft kommt an, um seine Landsleute vor einem Krieg zu bewahren, willigt Jesper ein. Die russische Botschafterin wacht von nun an vor Ort darüber, dass sich Norwegen an die Übereinkunft hält. Aus der vorübergehenden Einmischung wird eine Besatzung mit unabsehbarem Ende. Das reale Russland war nach der Ausstrahlung der ersten Folge im norwegischen Privatsender TV2 not amused und sah sämtliche Vorurteile gegen sich bestätigt. Auch in der Realität ist das Verhältnis zwischen dem skandinavischem Land und seinem mächtigen Nachbarn angespannt.

Dabei ändert sich in der Serie für die meisten Menschen in Norwegen zunächst wenig. Nur einzelne Medienvertreter wie der Journalist Thomas Eriksen (Vegar Hoel), der Zeuge der Entführung wurde, lassen nicht locker und wollen wissen, wann Norwegen wieder seine Souveränität zurückerhält. In fünf Doppelfolgen immer donnerstags – die einzelnen Episoden tragen die Monatsnamen, beginnend mit „April“ und „Mai“ – spitzt sich die Lage immer weiter zu. Regisseur Erik Skjoldbjærg beweist dabei viel Feingefühl für das richtige Tempo.

Dem Zuschauer stellen sich viele Fragen, wobei eine im Zentrum steht: Wer sind die wahren Patrioten? Jene wie Jesper Berg und der Sicherheitsmann Hans Martin Djupvik (Eldar Skar), die sich auf die russische Besatzung einlassen, um eine kriegerische Auseinandersetzung zu vermeiden? Oder jene Menschen in Polizei, Militär und Bevölkerung, die mit verdecktem oder offenem Widerstand auf den Besatzer reagieren? Die Autoren Karianne Lund, Erik Skjoldbjærg, Erik Richter Strand, die Nesbøs Idee umgesetzt haben, überlassen diese Entscheidung dem Zuschauer. Zwar haben die Russen auch in dieser Serie ein anderes Verständnis von demokratischen Rechten als die Norweger, aber auf eine holzschnittartige Darstellung wird verzichtet.

Wieder einmal kann eine Serie den Vorteil ausspielen, ihre Geschichte nicht in anderthalb Stunden erzählen zu müssen. „Occupied“ nutzt diese Chance dafür, die feinen Veränderungen nachzuzeichnen, die mit dem Verlust der Freiheit einhergehen. Folge um Folge wird der Riss durch die Gesellschaft tiefer, viele Familien, die vorher zusammengehalten haben, sind nun gespalten. Die Ereignisse gehen an niemandem spurlos vorüber, nicht an Ministerpräsident Berg und seiner schwangeren Frau Astrid (Lisa Loven) noch an der Patchworkfamilie von Journalist Eriksen und seiner Freundin Bente (Ane Dahl) oder an Sicherheitsmann Djupvik, der zur russischen Botschafterin Irina Sidorova (Ingeborga Dapkunaite) ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis aufbaut. Allein die Entwicklung dieser Figuren zu verfolgen, ist äußerst reizvoll. Doch bei einem Thrillerautor wie Jo Nesbø ist das logischerweise nicht der einzige Grund, dieser Serie eine Chance zu geben.

„Occupied – Die Besatzung“, Arte, fünf Doppelfolgen, donnerstags, 20 Uhr 15

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