Medien : Atemlos in Berlin

Katharina Thalbach als resolute Polizistin in der neuen Sat-1-Serie „Deadline“

Barbara Sichtermann

Es ist ja bekannt, dass deutsche Produzenten sich seit Jahr und Tag darum bemühen, amerikanischen Erfolgsserien wie „CSI“ etwas Vergleichbares entgegenzusetzen. Dass sie damit immer wieder scheitern, zeigt auch die neue Krimi-Serie „Deadline“, die heute auf Sat 1 startet.

Die Gründe für dieses Scheitern sind klar. Die Produzenten bemühen sich, einen „Look“ zu kopieren, statt einen eigenen Geist zu beschwören, der vielleicht ein ähnliches Ergebnis mit sich brächte. Es ist so einfach: Auch noch die trashigste Soap lebt – wenn sie lebt – aus ihrem Geist. Man kann auch Message, Milieu oder Anliegen sagen – und nicht aus ihrem Look, zu dem unter anderem Tempo, Rhythmus und Technik gezählt werden. Alle diese Äußerlichkeiten bringen nichts, wenn die Innerlichkeiten, also die Geschichte, die Figuren, der Zeitgeist nicht stimmen. Theoretisch weiß das jeder. Und doch fangen die Macher immer wieder mit der Oberfläche an und versuchen, von da aus ein wenig Tiefe oder überhaupt Inhalt zu erhaschen. So herum aber funktioniert es nicht. Die einzige Message, die dann rüberkommt, lautet: Hallo, wir sind eine brandneue, brandheiße Krimiserie und mindestens so geil wie „CSI“. Und schon ist alles zu spät.

Man könnte ja einwenden: „CSI“ dienstags bei RTL zu sehen, hat auch keinen Inhalt, ganz zu schweigen von Tiefe. Und wenn das Publikum diese blaustichige, technikverliebte Oberfläche der Serie goutiert, dann reicht es doch, wenn der Look kopiert wird – schon müsste die Quote stimmen. Aber da wird dem beneideten Vorbild Unrecht getan. Die drei CSI-Serien sind die reinsten Heimatfilme: viel Aufwand ist am Werk, um den Geist des Verbrechens, wie es in Las Vegas (und nur hier), in Miami und New York verübt wird, zu beschwören, nichts wird dem Zufall überlassen. Der ganze Instrumentenpark der Pathologie und die blaustichige Oberfläche, sie sind nur Zutat.

Ähnlich hat man wohl bei der Konzeption von „Deadline“ auch gedacht, denn hier ist es Berlin mit seinen unterschiedlichen Quartieren und seinen unzufriedenen Menschen, um deren Portraits sich die Macher sichtlich mühen. Das Polizisten-Team mit Direktorin Friedmann (Katharina Thalbach), Chef Berg (Heio von Stetten) und Psychologin Ritter (Sonsee Neu) strahlt jene durch beiläufiges Understatement geadelte Kompetenz aus, die man von amerikanischen Cops kennt und die die Wirklichkeit in jeder Großstadt gedeihen lässt. Friedmann als Leiterin der Kriminalpolizei ist extrem kurz angebunden; wenn man erwartet, dass sie mal Lob spendet oder mitdenkt, sagt sie bloß: „Papperlapapp“. Der Chef des Kriseninterventionsteams, Matthias Berg, muss Intuition mit Aktion und dann noch mit polizeilichen Vorschriften verbinden – das ist verdammt kompliziert. Die Psychologin Dr. Ritter kriecht in die oft gestörte Seele der Täter und sagt voraus, was sie als Nächstes tun. Das ist schon nicht leicht. Und wenn dann noch Leiterin Friedmann immer nur auf die Haare in der Suppe starrt, entsteht Stress pur.

Für die Authentizität einer Krimiserie sind das Wichtigste aber die Verbrecher samt Umfeld, also Angehörige, Nachbarn, Zeugen – deren stupende Charakteristik macht den Erfolg von „CSI“ aus. Damit aber hapert es noch bei „Deadline“. Devid Striesow als durchgeknallter Bus-Entführer macht seine Sache gut, aber schon sein Rivale und seine Frau sacken ins Melodrama ab. Und Uwe Bohm, selber Bulle, aber auch tablettensüchtiger Stalker, spielt, vom Drehbuch gedrängt, wie das Krokodil im Kasperle.

Es sind doch die Schicksale, die hinter den Straftaten, den Morden, den Drohungen stecken, die einen Krimi interessant machen. Hier bietet „Deadline“ bloße Klischees, Storys, die man kennt. Davon lenkt auch der „Look“ nicht ab – die Spielereien mit der Digitaluhr, das Fadenkreuz im Trailer, die Splitscreens, die Echtzeit, die Atemlosigkeit, der lakonische Duktus, in dem die Leute reden und das gramzerfurchte Gesicht des Ermittlers Berg alias Heio von Stetten. Nebenbei: Es kommt besser und überzeugt mehr, wenn gerade in den ersten Folgen nicht jede hübsche Frau, die auftritt, mal was mit dem Helden hatte, hat oder haben wird. Man soll die kriminalistische Spannung nicht ohne Not mit der erotischen kreuzen. Und wenn doch, dann bitte richtig und mit Anlauf.

„Deadline – Jede Sekunde zählt“, ab heute donnerstags um 20 Uhr 15, Sat 1

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