Medien : Athleten im Zwielicht

Eine bemerkenswerte Reportage zeigt Doping-Fahnder bei mühsamer Suche

Frank Bachner

Ideal natürlich, dass die Mission in aller Herrgottsfrühe beginnt. Und dann auch noch auf einem Parkplatz, irgendwo im Südosten von Berlin. Dunkelheit, Winterkälte, ein unbestimmter Ort, da wirkt alles düster, geheimnisvoll, fast mysteriös also. Eine passende Auftaktszene für eine Reportage über Detektivarbeit im Sport. Zwei Dopingfahnder starten zu ihrem ersten Einsatz, eine halbe Stunde später werden sie in Potsdam einen Kanuten aus dem Bett klingeln. Aber noch fahren sie durchs nächtliche Berlin, mit einem ARD- Team auf den Rücksitzen, das erstmals den Einsatz der Fahnder begleiten darf. Und während die Scheinwerfer die Nacht durchdringen, läuten schon die ersten Alarmglocken. Denn aus dem Off dringt die Stimme des Reporters Hajo Seppelt: „Was wir jetzt noch nicht wissen: Wir werden auf ungewöhnliche Situationen treffen und unerwartete Erkenntnisse über den Kampf gegen Doping gewinnen.“

So ein Satz, nach rund 60 Sekunden schon, klingt wie ein Hilferuf: Bitte bleiben Sie dran, es wird spannend. Und wer so mit der Brechstange arbeitet, gleicht damit oft genug mangelnde Substanz aus. Nur ist’s in diesem Fall anders und auch angebracht: Dieser Film enthüllt wirklich, wenn auch ungeplant. Der preisgekrönte ARD-Dopingexperte Seppelt und sein Kollege Jo Goll wollten eigentlich nur Dopingkontrolleure bei der Arbeit begleiten, mit Erlaubnis der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada. Doch im Verlauf ihrer Arbeit stießen sie auf ein hochinteressantes Problem: Das vielgerühmte deutsche Doping-Kontrollsystem hat enorme Lücken. Oder, wie Seppelt bei der Präsentation des Films sagte: „Einige deutsche Spitzensportler hätten 2006 nicht antreten dürfen.“

Jene Kaderathleten nämlich, die von Kontrolleuren mehrfach nicht angetroffen wurden. Dabei muss jeder Spitzensportler der Nada ständig seinen Aufenthaltsort mitteilen. Nichtanwesenheit wird bestraft, nach dem zweiten Mal mit einer Sperre. So weit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus, das beweisen Goll und Seppelt.

Sie dokumentieren beispielhaft die mühsame Suche nach Sportlern. Zwei Fahnder zum Beispiel stehen irgendwo in Bayern vor der Wohnung einer Wintersportlerin. Hier sollte sie sein, hier ist sie aber nicht. Die Fahnder fahren zu einem Hotel in Berchtesgaden, in dem die Athletin oft sein soll. Dort treffen sie aber nur auf ihren Bundestrainer, und der gibt auch noch falsche Hinweise. In Finnland, beim Training der Biathlon-Nationalmannschaft, stoßen die Fahnder zwar wie erwartet auf Olympiasiegerin Kati Wilhelm, aber auch auf fünf Athleten, die eigentlich in Deutschland sein sollten.

Nur, bestraft wird niemand. Seppelt und Goll haben den Namen eines Olympiasiegers und fünffachen Weltmeisters, der ihren Angaben nach fünf Kontrollen verpasst hat. Diese Erfolgsbilanz trifft nur auf einen Athleten zu: den Diskuswerfer Lars Riedel. Sanktionen gab es keine. Fast 400 Fälle von verpassten Kontrollen gab es 2006, Goll und Seppelt haben sie gezählt. „Das ist eine ernste Situation, da muss es Strafen geben. Wie kann so etwas sein?“, fragt Richard Pound, Vorsitzender der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada.

Nur klärt die Reportage nicht auf, wer dafür verantwortlich ist. Und hier liegt der einzige Schwachpunkt dieses Films. Zwei Spitzenfunktionäre des Deutschen Skiverbands (DSV) bestreiten rundweg, auch nur einen Fall in ihrem Verband zu kennen. Entweder lügen sie dreist, oder die Nada hat den DSV nicht informiert. Wie arbeitet die Nada? Informiert sie die Verbände? Und wenn ja, wie? Und wenn nein, warum nicht? Dass die Nada dazu keine Auskunft geben wollte, handelt Hajo Seppelt in einem Satz ab. Offen bleibt auch, in wie vielen Fällen Schlampereien der Sportler für die verpassten Kontrollen verantwortlich sind.

Zeitnot, sagt Seppelt als Begründung. Auf dieses Kommunikationsproblem seien Goll und er erst gestoßen, als der Film fast abgeschlossen war. Außerdem habe es eine dreiwöchige Zwangsdrehpause gegeben, weil der DSV Persönlichkeitsrechte seiner Athleten verletzt sah.

Aber diese Mängel sind Marginalien im Vergleich zur Bedeutung dieses Films. Seppelt und Goll haben eine bemerkenswerte investigative Leistung vorgelegt. Die Hurra-Sportberichterstattung der ARD bekommt kritische Begleittöne im eigenen Sender. Gut so.

„Mission: Sauberer Sport – DopingFahnder im Einsatz“, ARD, 21 Uhr 45

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