Atombomben-Training : So wurde Jan Josef Liefers in der DDR groß

„Der Soundtrack meines Lebens“: Der Schauspieler und Musiker Jan Josef Liefers reflektiert seine Kindheit in der DDR.

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Gitarrengott. Das war Jan Josef Liefers erster Berufswunsch.
Gitarrengott. Das war Jan Josef Liefers erster Berufswunsch.Foto: MDR

Es gibt bescheidenere Berufswünsche, als „Gitarrengott“ werden zu wollen. Jan Josef Liefers, der dieses Ziel seit seiner Kindheit hegt und pflegt, wurde dann auch zunächst einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler. Die Sache mit dem Gitarrengott hat ihn aber nie so wirklich losgelassen.

Liefers schrieb das Buch „Soundtrack meiner Kindheit“, ab 2006 ging er mit seiner Band „Radio Doria“auf Tour; spielte sowohl Hits seiner Idole als auch eigene Songs. Jetzt hat sich der MDR des Stoffs angenommen und mit „Jan Josef Liefers – Soundtrack meines Lebens“ einen Film über dessen musikalische Leidenschaft gedreht. Wer allerdings glaubt, außer viel Liefers und viel Musik sei da nichts zu sehen, irrt: Der Film verschmilzt die Biografie des Schauspielers mit einer entlarvenden Dokumentation über die ehemalige DDR.

Liefers wird 1964 in Dresden geboren, wächst mit seiner Mutter in einer 1,5-Zimmer-Plattenbauwohnung auf. Obwohl er davon noch nicht viel mitbekommen haben kann, erzählt er, wie die DDR die Beat-Musik kriminalisierte, die aus den USA in den Arbeiter- und Bauernstaat zu schwappen drohte. Der MDR hat sich die Mühe gemacht und in Ost-Archiven Dokumente und Tonmitschnitte gesucht, in denen Beat-Freunde unter anderem als „Leitgammler“ klassifiziert werden. Wer sich das heute ansieht, frisch und mit viel Ironie geschnitten, kann nur lachen. Damals war alles ernst.

Liefers wuchs also mit den obligatorischen Ost-Bands auf – obwohl er gerne „anderes gehört hätte“. Zu sehen sind immer wieder alte Schmalfilmkamera-Aufnahmen, die seinem Vater zu verdanken sind, der den kleinen Jan Josef bei jeder möglichen Gelegenheit in Bewegtbildern festhielt. Doch Liefers erinnert sich, zum Glück für den Film, nicht nur an Musik: Sondern auch an seine Kindheit, Jugend und Schulzeit in der DDR. Weswegen der Film gespickt mit herrlichen Anekdoten ist: „Wir wurden noch darauf vorbereitet, was zu tun ist, wenn eine Atombombe explodiert. In ein Haus gehen, Türen und Fenster verschließen und dann die Fenster von innen weiß streichen.“

Ein Film über Musik - und selten gut gelungen

Groß auch die Momente, in denen Liefers im Hier und Heute auf die Helden seiner Jugend trifft, etwa Stephan Trepte, ehemaliger Sänger von DDR-Bands wie „Electra“, „Lift“ und „Reform“. Trepte, das könnte man angesichts der Aufnahmen fast glauben, ist – ob während oder nach Honeckers Zeiten – mal auf irgendetwas hängen geblieben. Jedenfalls raucht und trinkt er sich mit Liefers standhaft durch die DDR-Musikgeschichte, so schwierig sie auch für die Künstler war. Immerhin: „Aber gesoffen haben wir damals!“ Dazwischen gestreut ideologische Perlen: „Eine revolutionäre Situation ist dann gegeben, wenn eine kommunistische Partei zur Führung des Volks bereitsteht.“

„Soundtrack meines Lebens“ ist ein Film über Musik, aber er erstickt nicht an ihr. Selten ist es gelungen, die Biografie einer Person, Musikgeschichte und Politik so komprimiert und alles andere als dröge zusammenzufassen. Das ist auch Regisseur Sergej Moya zu verdanken, ebenso wie Liefers eigentlich Schauspieler. Der erst 26-Jährige lernte Liefers am Set zur Uwe-Tellkamp-Verfilmung „Der Turm“ kennen, die beiden verstanden sich schnell. Nur das mit der DDR und ihrer Musik musste sich der 1988 geborene Moya erst erklären lassen. Er ging also neugierig und unbefangen ans Werk, stellte die richtigen Fragen, bohrte nach.

Ob Liefers, der schon als kleiner Junge Gitarrenstunden bekam, letztlich tatsächlich zu einem „Gott“ am Instrument geworden ist? Kaum. Er lässt verlauten, er arbeite daran.
„Jan Josef Liefers – Soundtrack meines Lebens“, MDR, Sonntag, 20 Uhr 15

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