Medien : Auch Denkmäler können bluten

Tom Peuckert

Vor genau 50 Jahren hielt Nikita Chruschtschow in Moskau eine denkwürdige Rede. Ausgewählte Kommunisten erfuhren damals von den Fehlern des jüngst verstorbenen Genossen Stalin. Es war der Tag, schrieb Heiner Müller in einem Gedicht, an dem die Denkmäler bluteten. Aus dem lieben Gott des Weltkommunismus wurde plötzlich ein gewöhnlicher Sterblicher. Ein gewaltiges, unterirdisches Beben ging durch den Ostblock, das Meinhard Stark in seinem Feature „Die Geheimrede“ noch einmal dokumentiert. In Polen und Ungarn brachen bald danach antikommunistische Aufstände aus. In der DDR wurde die Rede mit peinlichen Mühen totgeschwiegen (Kulturradio, 8. Februar, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

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Als der große Soziologe Niklas Luhmann über die Geheimnisse der Kommunikation nachdachte, kam er zu verwirrenden Schlüssen. Nicht die Menschen kommunizieren, schrieb Luhmann, sondern die Kommunikation kommuniziert. Eine These, die die Feinde der Luhmannschen Systemtheorie noch heute in Wutgeheul ausbrechen lässt. Für sein Feature „Dass wir uns gründlich missverstehen“ hat Autor Matthias Eckoldt zwei brillante Luhmann-Schüler getroffen, die ihm erklären, was die Kommunikation eigentlich macht, wenn sie kommuniziert. Dirk Baecker und Norbert Bolz beschreiben, wie das pausenlose Gespräch nach ureigenen, verborgenen Regeln funktioniert (Deutschlandradio Kultur, 9. Februar, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

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Es gibt eine Menge Gedichte über Wolken. Dichter besingen die Wolken als poetische Individuen und gehen mit ihnen auf die Reise. Man kann das ganze Wolkenwesen natürlich auch streng wissenschaftlich betrachten. In ihrem Feature „Der Wolkenforscher“ porträtiert Heidi Mühlenberg den Chef eines renommierten Leipziger Meteorologieinstituts. Ein Mann, der den Wolken mittels Laserkanonen erstaunliche Geheimnisse entreißt. Er findet Ruß aus Chicago und Asche von Afrikas Vulkanen. Die Wolken fahren rund um die Welt und ermöglichen damit das Leben auf unserem Planeten. Womit ja bewiesen wäre, dass Wolken ein angemessener Gegenstand auch für Gedichte sind (Deutschlandradio Kultur, 11. Februar, 18 Uhr 05).

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Vor anderthalb Jahrhunderten ist Heinrich Heine in seiner Pariser Matratzengruft gestorben. Im Radio wird der Dichter in zahllosen Gedenksendungen gewürdigt. Aus der Fülle empfehlen wir Wolfgang Rödels Feature „Ich küsse, also bin ich“. Eine Geschichte aus den letzten Lebenstagen des wortreichen Spötters. Eine junge, etwas überspannte Frau namens Elise wird bei ihm vorstellig und erklärt, sie wolle für ihn sorgen. Der todkranke Heine verliebt sich, nennt sie „die Blume seines larmoyanten Herbstes“. Elise wird seine letzte Muse und geht dafür in die Literaturgeschichte ein (Kulturradio, 12. Februar, 14 Uhr 04).

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In ihrem viel beachteten Debütroman „Schneeweiß und Russenrot“ zeichnet die junge polnische Autorin Dorota Maslowska ein schrilles Panorama der Zustände in ihrem Heimatland. Hauptfigur Andrzej vagabundiert durch eine schäbige Kleinstadt, spricht reichlich den Drogen zu, wechselt häufig die Frauen, trifft sonderbare Zeitgenossen. Seine Landsleute scheinen vor allem mit ihrem Hass auf die Russen beschäftigt. Im Zweifelsfalle sind sie immer an der polnischen Misere schuld. Eine schöne Hörspieladaption des Romans bringt uns die polnische Seele jetzt näher (Deutschlandradio Kultur, 13. Februar, 0 Uhr 05).

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Von neuen Existenzformen der sizilianischen Mafia erzählt Henning Klüver in seinem Feature „Verbrechen zahlt sich aus“. Die rohe, unmittelbare Gewalt hat sich tief in die Kulissen zurückgezogen, die moderne Mafia beteiligt sich lieber am bürgerlichen Geschäftsleben. Sie handelt mit Menschen und menschlichen Organen, aber sie verkauft auch halb Italien den Zement, besitzt Banken, beschäftigt ein Heer von Anwälten und Steuerprüfern. Klüver erzählt Geschichten aus dem sizilianischen Alltag, der nach wie vor von der organisierten Kriminalität dominiert wird (Deutschlandfunk, 14. Februar, 19 Uhr 15, UKW 97,7 MHz).

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