Medien : Auf 30 Zeilen gestutzt

„Der Wunsch einiger Herren, den Müller-Vogg mundtot zu machen, ist gründlich daneben gegangen“, sagt der ehemalige „FAZ“-Herausgeber über sich selbst. Als Autor für „Bild“, „B.Z.“ und „Super Illu“ erreicht er im Vergleich zu früher ein Vielfaches der Leser. Der Frust ist ihm dennoch anzumerken

Hardy Prothmann

Hugo Müller-Vogg könnte man einen erfolgreichen Existenzgründer nennen. Als freier Journalist und Publizist, wie sich der 56-Jährige nennt, schreibt er Kolumnen, Kommentare und führt Interviews. Und was er so schreibt, über die Politik und die Politiker, erreicht eine addierte Druckauflage von gut sieben Millionen Exemplaren. Das ist beeindruckend für einen freien Journalisten, der gerade mal im dritten Jahr an seiner Existenzgründung arbeitet. Als hätte er einen Marketing-Leitfaden für freie Journalisten studiert, sagt er über sich: „Ich liefere zuverlässig und auf den Punkt.“ Darüber muss aber kein etablierter oder gerade startender Journalist, bei dem es gerade nicht oder noch nicht so gut läuft, übermäßig frustriert sein. Der Frust ist, so paradox das klingt bei dieser medialen Präsenz, bei Hugo Müller-Vogg immer noch deutlich zu spüren.

Der Aufstieg des Hugo Müller-Vogg begann mit seinem Abstieg. Immerhin war der Mann mal einer von fünf Herausgebern der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ („FAZ“). Insgesamt 24 Jahre bezog Müller-Vogg sein Gehalt in Frankfurt, fast 13 Jahre davon als Herausgeber. Warum er die Herrenrunde verlassen musste, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Hugo Müller-Vogg sagt dazu wenig, „aus arbeitsrechtlichen Gründen“. Die anderen Herausgeber haben sich im Februar 2001 offiziell so erklärt, dass „das Vertrauensverhältnis zerrüttet“ gewesen sei. Für Müller-Vogg bis heute nicht nachvollziehbar. An einem Dienstag verkündeten die vier anderen Herausgeber die Trennung von Müller-Vogg, tags drauf musste er sein Büro räumen.

„Das war keine Trennung, da gehören zwei Seiten dazu. Das war ein Rauswurf. Ich lege Wert auf diese Unterscheidung“, sagt Hugo Müller-Vogg. Er spricht ein wenig brummelig und derb, gar nicht so, wie man sich einen Ex-Herausgeber der „FAZ“ vorstellt – intellektuell geschliffen. Man hört ihm den gebürtigen Mannheimer bis heute an, obwohl er keinen Dialekt spricht. In der Quadratestadt ist er aufgewachsen, hat dort studiert und promoviert und als Redakteur des „Mannheimer Morgen“ seine Karriere gestartet.

Heute beliefert er die vielen Redaktionen von seinem Schreibtisch in Bad Homburg aus: „Der Wunsch einiger Herren, den Müller-Vogg mundtot zu machen, ist gründlich daneben gegangen“, sagt er. Man hört die Kampflust. Aber das entschädigt nicht für den Frust erkennen zu müssen, dass man zwar gefragt ist, aber nicht gefragt wird.

Als Kolumnist von „Welt am Sonntag“ und als Kommentator von „Bild“ und „B. Z.“ ist er im Hause Axel Springer nach seinem Rauswurf untergekommen. „Ich habe großen Spaß an der kleinen Form gefunden: Nicht auf 300, sondern auf 30 Zeilen die Sache auf den Punkt zu bringen.“ Außerdem schreibt er für die „Super Illu“, für die „Westdeutsche Zeitung“, die „Offenbach-Post“ und den „Äppler“ – ein Anzeigenblatt im Raum Frankfurt. Und er verfasst Bücher: etwa eine Gesprächsreihe mit dem Hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch („Beim Wort genommen“) oder, an diesem Freitag erschienen, Gespräche mit der CDU-Chefin Angela Merkel („Mein Weg“, Hoffmann & Campe). Obendrein berät er hier und da auch Manager: „Keine Politiker, dass ließe sich nicht mit meinem Beruf vereinbaren.“ Nur für die „Welt“, der er angeblich Interna über die „FAZ“ zugespielt haben soll, was als wahrscheinlichster Grund für seinen Rauswurf gehandelt wird, für die „Welt“ schreibt er nicht. Und er bekommt auch keine Angebote, irgendwo als Redaktionsleiter oder gar Chefredakteur wieder fest einzusteigen.

„Viele denken wohl, wer mal Herausgeber der ,FAZ’ war, ist woanders nicht zu gebrauchen“, sagt Müller-Vogg. Vielleicht hat er sogar Recht damit.Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass „meine persönliche Integrität und berufliche Reputation kaputt zu machen versucht wurde“, wie er sagt. Und dann legt er los: Es erfordere mehr Mut, jemandem ins Auge zu schauen als in den Rücken zu schießen. Die „FAZ“ tue alles, um ihn zu übersehen, die Schmutzkampagne dauere bis heute an. Überall, wo „FAZ“ drauf steht, soll kein Müller-Vogg mehr drin sein. Dann schiebt der frühere Freizeit-Boxer das Kinn vor: „Ich freue mich schon darauf, wie die sich winden werden, um mein Buch über Merkel tot zu schweigen oder irgendwie darüber zu berichten, ohne dass mein Name fällt.“

Hugo Müller-Vogg wird viel nachgesagt: streitsüchtig sei er, erzkonservativ, Steigbügelhalter von CDU-Granden, willfähriger Multiplikator der konservativen Sache. Als selbstherrlicher Herausgeber des Regionalteils „Rhein-Main-Zeitung“ habe er Männer auf korrekten Schlipssitz hingewiesen und Frauen am liebsten im Rock gesehen, wird bis heute kolportiert.

Zum Gespräch ist er ohne Schlips erschienen, ein blau-weiß kariertes Hemd mit geöffnetem Kragen unter einem dunklen Sakko mit goldenen Kapitänsknöpfen und eine helle Jeans lassen auf einen vergleichsweise unkonventionellen Konservativen schließen.

Aber was sind schon Kleider, wenn es eine Haltung gibt? Roland Koch ist für ihn nach wie vor ein herausragender Politiker: „Ja, er hat damals gelogen. Aber Sie müssen etwas unterscheiden: Er hat die schwarzen Kassen nicht angelegt und auch nicht benutzt.“ Und Helmut Kohl? Ist es nicht ein Skandal, dass er bis heute die Spender nicht nennt? „Die Spenden passen nicht zur Vorbildfunktion eines Kanzlers. Das war sicher ein Fehler, aber sein gegebenes Ehrenwort zu verletzen, wäre eine echte Charakterschwäche. Ich bewundere beide Politiker, dass sie den Druck ausgehalten haben. Das war eine Leistung.“

Umgekehrt wurde Müller-Vogg nie müde, gegen Linke, bevorzugt gegen Außenminister Joschka Fischer zu schießen. Auch diese publizistische Angriffshaltung wurde damals als Trennungsgrund genannt: Müller-Vogg sei selbst für die konservative „FAZ“ zu konservativ. Er selbst sagt dazu: „Ich sage und schreibe, was ich denke.“ Und dabei kalkuliert er Nachteile für sich ein: 1998 schrieb er vor der Wahl einen Kommentar zur misslichen Lage der CDU „Wir haben fertig“. Darauf schickte ihm der noch amtierende Kanzler Helmut Kohl einen Brief, in dem der Pfälzer aus Ludwigshafen dem Kurpfälzer aus Mannheim mitteilte, nichts mehr mit ihm zu tun haben zu wollen. Nach der verlorenen Wahl verzieh der meinungsfreudige Kohl dem meinungsfreudigen Müller-Vogg. Heute verspeist man wieder gemeinsam Saumagen.

Doch auch ein Hugo Müller-Vogg wird vorsichtiger, zumal als freier Journalist. Vor einem Jahr legte er das Buch über Roland Koch vor, jetzt folgt die Koch-Antipodin Angela Merkel. Und für 2004 hat er sich vorgenommen, „einen von den anderen“, sprich SPD, ins Gespräch zu nehmen und ebenfalls ein Buch draus zu machen. Denn Hugo Müller-Vogg ist klar, warum er bei Springer-Blättern schreiben darf: Er vertritt eine konservative Linie. Aber er weiß auch, dass er mit 56 Jahren nicht mehr der Jüngste ist: „Ich bin bekennender Marktwirtschaftler. Für mich gilt das Leistungsprinzip“, sagt er über sich und seine Zukunft. Und: „Ich bin ein politischer Journalist und kein Mann für Klatsch-Kolumnen.“

Zumindest dieses Jahr dürfte er viel zu tun haben: Vierzehn Wahlen gilt es begleitend zu kommentieren und zu analysieren. Dabei muss Hugo Müller-Vogg allerdings seine neu gewonnene „Umsicht“ im Auge behalten und vielleicht nicht immer ganz genau schreiben, was er am liebsten denkt. Denn falls er es sich mit Springer verdirbt, würde er seine überregionale Bedeutung ein zweites und letztes Mal verlieren. Und das wäre dann das Ende einer erfolgreichen Existenzgründung.

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