Medien : Auf dem Trip

Julia Boenisch

Sie sind das, was die Öffentlichkeit gemeinhin "Karrieremänner" nennt. Maßanzüge, Macht, Moneten - nichts und niemand könnte sie ihnen mehr nehmen, ihre Insignien des Erfolgs. Auch die Medien nicht, und wenn sie noch so viel Böses schrieben oder sendeten. Da plaudern also ausgerechnet sie, das Schläfenhaar grau, bereitwillig Geschichten und Geschichtchen ihrer ach so wilden Jahre aus. Jüngst nun Willy Bogner, Modeschöpfer, Filmproduzent, Mehrfachmillionär, unter Freunden als wortkarg und zurückhaltend bekannt. "Ich werde etwas...beichten", eröffnet Bogner den Lesern der aktuellen Ausgabe der Illustrierten "Bunte" im Interview zu seinem 60.Geburtstag. Er habe "in den 60ern einmal LSD genommen, zusammen mit einem Freund."

Na klar, einmal nur. Schön sei es auch nicht gewesen. Die Droge habe für ihn fortan keine Rolle mehr gespielt. Das hat er mit Ulrich Wickert und Bill Clinton gemein. Auch sie bekannten, als Jugendliche mit Drogen Erfahrungen gesammelt zu haben. Wickert trank Haschtee, Clinton rauchte Joints, wobei sich der sinnenfrohe US-Präsident rasch korrigierte: gepafft habe er, nicht inhaliert.

Unionsfraktionschef Friedrich Merz sprach bei "Beckmann" über frisierte Mofas und schlechte Noten. Alles andere als die Schule habe er im Kopf gehabt. Er, der noch heute wirkt wie ein Musterschüler, habe die Haare schulterlang getragen, ja, er, Merz, war nun dem unvollkommenen Durchschnittsmenschen endlich näher. Zumindest ein Stückweit, wie es heute immer so schön heißt. Dann und wann grinste Merz. Das ließ die Zuschauer spüren, wie viel Genugtuung ihm die Imagekorrektur bereitete.

"Bei Edmund Stoiber dürfen wir uns darauf gefasst machen, dass wir demnächst Geschichten hören, in denen er uns als Gemütsmensch erscheint", sagt der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. "Es ist Usus geworden, Privates über die Medien zu transportieren. Und einige, vor allem Politiker, nutzen diesen Spielraum, um der Öffentlichkeit ein anderes Bild von sich zu geben. Das gilt aber nicht für alle." Wickert etwa bestreitet, er habe mit der Hasch-Beichte an seinem glatten Image meißeln wollen. "Das ist so passiert. Ich sprach mit dem Kollegen über die Vergangenheit. Ich erwähnte das, ohne über die Wirkung nachzudenken oder etwas bezwecken zu wollen", sagt er, der auch Kollegen selten Privates erzählt hat. Heute überlege er sich jedes Wort noch genauer. "Ich war erstaunt, was so ein Satz für Wellen schlägt, obwohl ich unser Metier kenne." Auch Bogner beschwerte sich am Dienstag bei der Münchner "Abendzeitung", nachdem diese sein LSD-Bekenntnis aus der "Bunten" zitiert hatte und der Drogentrip vom Fließtext in die Schlagzeilen geraten war.

Die Medienwelt habe sich verändert, seitdem die privaten mit den öffentlich-rechtlichen Sendern konkurrierten, glaubt der 71-jährige Schauspieler Hans Clarin. Früher habe es eine Schutzzone gegeben, inzwischen werde jedes private Detail hervorgekramt. "Karrieren sind doch irgendwie alle gleich. Da suchen sie Fleisch, Fleisch und nochmal Fleisch - jeder will noch tiefer ins Private dringen." Manch einer seiner Kollegen habe sich genötigt gefühlt, seine Jugendsünden zu beichten, weil sie sonst ohnehin veröffentlicht worden wären. "Es gab Fälle, da haben die Journalisten klar gesagt: Entweder es kommt von dir oder von uns."

So soll Fußballtrainer Ottmar Hitzfeld aus diesem Grund die Veröffentlichung seiner Affäre mit dem brasilianischen Model Rosi lanciert haben - nicht, um sein Biedermann- Image aufzupolieren, sondern wohl, um nicht erpressbar zu werden. Die glatten, reifen Männer beichten Jugend- und andere Sünden - und jene, deren wilde Vergangenheit das öffentliche Bild prägte, mühen sich um Maß und Maßanzüge. Joschka Fischer, Jürgen Trittin. K-Gruppe, Steinewerfen-all das sei anders gewesen als berichtet.

Und wieder sind die Medien wichtige Transporteure einer Imagekorrektur. "Es ist ja auch nicht immer so, dass das öffentliche Bild stimmt", sagt der Psychoanalytiker Richter. Oskar Lafontaine etwa sei nie Napoleon und auch kein Rotlichtkaiser gewesen, "obwohl die Medien ihm dies oft nachgesagt haben." Schon fällt einem ein, was Stoibers neuer Berater Michael H. Spreng gesagt hat: Er wolle verhindern, dass "Zerrbilder" vom Kanzlerkandidaten gezeichnet würden.

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