Medien : Auf den Straßen des Todes

Das Leben im Irak ist gefährlicher als je zuvor, auch für Journalisten

Andrea Nüsse[Bagdad]

Vor dem Krieg war die Arbeit für ausländische Journalisten in Irak ein Albtraum: Die zahllosen Besuche in der irakischen Botschaft, um – oft nach geschickter Verteilung von Schmiergeldern – eines der begehrten Visa zu ergattern. Dann vor Ort die permanente Begleitung durch einen staatlichen Aufpasser, verharmlosend „minder“ genannt. Der Frust, dass kaum ein Iraker mit einem Ausländer zu sprechen wagte – und schon gar nicht offen. Heute kann jeder ohne Visum in den Irak ein- und ausreisen. Die Menschen erzählen frei ihre Geschichten. Allerdings gibt es diese Freiheit ohne Sicherheit – worunter die Iraker leiden, aber auch die ausländischen Journalisten.

So stellt sich die Frage bereits bei der Anreise: Nehme ich den Landweg, die etwa 1000 Kilometer lange Strecke von Amman nach Bagdad quer durch die Wüste? Hier werden bei Ramadi und Faludscha, etwa 70 Kilometer vor Bagdad, regelmäßig Reisende überfallen und ausgeraubt. Hat man eine Autopanne, wird man am Straßenrand womöglich sofort erschossen, wie es kürzlich zwei Franzosen passierte. In irakischen Zeitungen heißt sie deshalb die „Straße des Todes“. Oder nehme ich eines der kleinen Propellerflugzeuge aus Amman, das mich in zweieinhalb statt 14 Stunden nach Bagdad bringt? Dieser City-Hopper mit etwa 20 Plätzen macht die so genannte Spirallandung, er lässt sich aus voller Flughöhe über dem Flughafen Bagdad in kleinen Spiralen herabtrudeln. Damit sollen Raketen abgehängt werden, die der Maschine nicht in so kleinem Radius folgen können. „Zumindest theoretisch“, erklärte mir einmal ein südafrikanischer Pilot nach der Landung in Bagdad. Aber der Spaß kostet hin- und zurück 1100 Dollar. Und ein DHL-Frachtflugzeug wurde bei der Landung bereits getroffen.

Raketeneinschlag im 6. Stock

Ist man in Bagdad angekommen, muss man entscheiden, wo man am sichersten unterschlüpft. Da gingen die Theorien unter Journalisten lange auseinander: Die einen gehen noch immer ins Palestine-Hotel oder das gegenüber liegende Sheraton, wo auch amerikanische Vertragspartner wohnen. Weiträumig mit Betonsperren abgesperrt, kann sich dem Gebäude wohl kein Auto mit einer Bombe mehr nähern. Hotelgäste werden mit Sprengstoffhunden beschnüffelt und müssen vom Parkplatz am Tigrisufer weit zu Fuß laufen. Andererseits ist das von den Amerikanern stark bewachte Hotel natürlich ein symbolträchtiges Angriffsziel für Terroristen. So wird die Lobby des Sheraton regelmäßig von Raketen getroffen, letzte Woche landete eine Rakete im 6. Stock. Viele Kollegen gingen daher eher in kleinere, unauffälligere Hotels, in denen arabische Gäste und Journalisten absteigen. Doch der Anschlag auf das „Mount-Lebanon“-Hotel Mitte März, das genau in diese Kategorie fiel, hat die Illusion, dort sei man sicherer, zunichte gemacht. Am sichersten wohnt ein Journalist also wohl mittlerweile privat.

Wie bewegt man sich im Lande am sichersten? Auch hier gilt immer stärker die Devise, so unauffällig wie möglich zu sein. Die riesigen amerikanischen GMC, die überdimensionalen, weißen Wagen mit Vierrad-Antrieb, kommen aus der Mode. Schon von weitem ist zu erkennen, dass sie hauptsächlich von Ausländern benutzt werden. Der verbeulte Toyota, bei dem das Fenster hinten nicht mehr schließt und die Stoßstange fehlt, ist für Fahrten in Bagdad oder übers Land mittlerweile sicherer als die bequemen GMC.

Auf keinen Fall im US-Auto

Und dann gibt es noch die teure Variante des schusssicheren Autos: Ein dunkelblauer BMW, wie ihn eine jordanische Firma vermietet, fällt bei der Masse der illegal importierten Wagen kaum auf. Die mehrere Zentimeter dicken Scheiben und Blech schützen zumindest vor herum fliegenden Kugeln und Schrapnellsplittern bei Bomben- oder Raketenexplosionen. So hat jeder Journalist seine eigenen Methoden: Der eine Kollege lässt sich die kurz rasierten Haare lang wachsen, damit er nicht so leicht mit einem amerikanischen Soldaten verwechselt wird, ein anderer trägt bei Überlandfahrten die landestypische rot-weiß-karierte Kopfbedeckung Keffeyya, um nicht aufzufallen. Natürlich haben die meisten eine schusssichere Weste dabei. Aber wann genau zieht man dieses schwere Teil wirklich an? Meist liegt die Weste auf dem Rücksitz.

Die Iraker sind nach wie vor sehr freundlich und offen Ausländern gegenüber. Allerdings fragen sie oft, ob man Amerikaner sei. Nein, nein, versichert man schnell. Doch viele Menschen können nicht zwischen US-Armee und Nichtregierungsorganisationen, zwischen Amerikanern und Deutschen, zwischen Journalisten und US-Vertragspartnern unterschieden. In manchen Stadtvierteln würde man heute daher nicht mehr ohne einheimischen Führer herumlaufen, andere Orte meidet man möglichst ganz. In bekannte Restaurants geht spätestes seit am Anschlag auf das „Nabil“ in der Silvesternacht kaum noch ein Journalist. Stattdessen wird in vielen Hotelzimmern abends gekocht. „Die Situation ist heute gefährlicher als je zuvor“, meint der Leiter der deutschen Nichtregierungsorganisation „architects for people in need“, Alexander Christoph, der bereits vor dem Krieg und sofort danach wieder in Bagdad lebte. Aber für Journalisten liegen die Geschichten hier auf der Straße.

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