Medien : Auf der Couch: Catherine Deneuve

Als Marie Bonaparte geht Frankreichs Filmstar zu Sigmund Freud in die Therapie

Thomas Gehringer

Wie konnte das passieren: Catherine Deneuve, der große Star des französischen Kinos, in einem schnöden Fernsehfilm? Und dann sieht sie zu Beginn auch noch ausgesprochen schlecht aus. Eine Operation droht, was sie verzweifelt erklären lässt: „Ich stehe am Abgrund.“ Natürlich überlebt sie, was wäre das sonst für eine Rolle für die Deneuve? Es ist eine große Rolle in einem echten TV-Ereignis: „Marie und Freud“ von Benoît Jacquot ist eine Produktion mit erstklassiger Besetzung und wunderbarer Ausstattung. Sie erzählt von den letzten Jahren im Leben Sigmund Freuds, von seiner Freundschaft zur reichen Napoleon-Nachfahrin Marie Bonaparte, die zugleich neurotische Patientin und selbstbewusste Förderin des Wiener Gelehrten war.

Filmkünstler Jacquot („Tosca“, „Sade“, „Schule des Begehrens“) gibt sich altmodisch und sperrig und bietet drei Stunden lang dialoglastiges Fernsehen mit einer eigenwilligen französischen Perspektive. Der vom 82-jährigen Heinz Bennent als freundlich-forschender Mann gespielte, krebskranke Sigmund Freud bleibt etwas im Hintergrund. Stattdessen blickt man mit der Hauptfigur Marie Bonaparte durch eine mondäne Brille auf die bewegte Epoche der 20er und 30er Jahre. Das hat den unbestreitbaren Reiz, dass die Deneuve fünfzig maßgeschneiderte Kostüme zur Schau tragen darf und eine Reihe wertvoller Oldtimer durchs Bild rollen. Marie Bonaparte nimmt immer wieder auf Freuds Couch Platz, aber trotz aller Neurosen tritt die Prinzessin von Griechenland und Dänemark als forsche Hoheit auf und redet frank und frei über Sexualität. „Eine ambivalente und komplexe Figur, die dramaturgisch viel hergibt“, sagt Catherine Deneuve, die sich hier vom ansonsten ungeliebten Fernsehen – es ist erst ihre zweite Rolle in einem TV-Film – ausgiebig feiern lässt.

„Marie und Freud“: Arte, heute und morgen jeweils 20 Uhr 45

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