Medien : Auf der Nachholspur

Der Regisseur Matti Geschonneck hat keine Zeit mehr zum Schlafen – er konnte erst mit 38 selber drehen

Kerstin Decker

Es ist der erste Frühlingstag am Rhein; die Fans des 1. FC Köln halten den Domvorplatz und das Ufer besetzt, die akustische Lufthoheit haben sie sowieso. Und dann läuft er durchs ewige Zwielicht des Hotelfoyers und sieht aus, als gehöre er zum Fanblock. Groß, kompakt, beinahe stiernackig, fast kahlköpfig, schwarze Teddy-Fleecejacke und darunter etwas, das ein Unterhemd sein könnte oder ein T-Shirt. Wahrscheinlich Unterhemd. Ich kann nicht mehr, sagt Matti Geschonneck, der Mann, der gerade für seinen TV-Film „Die Nachrichten“ nach Alexander Osangs Roman den Grimme-Preis bekommen hat. Und er präzisiert: „Ich kann nicht mehr schlafen. Ich kann sowieso nicht schlafen. Wo wollen wir sitzen?“

Matti Geschonneck mit der Statur eines Boxers und den Nerven eines Mädchens strebt der Kaminecke zu. Er hat wirklich keine Ahnung vom Frühling draußen. Morgens um sechs ist er vom letzten Nachtdreh in Düsseldorf zurück ins Hotel gekommen. Da hat es noch geregnet. Eine Woche lang nur Nachtdrehs, und das ist noch nicht zu Ende. Warum nie bei Tageslicht? – Krimi!, antwortet Matti Geschonneck, der schon so viele „Tatorte“ und „Polizeirufe“ gedreht und mehrere nagelneue Kommissare eingeführt hat. Er hat schon wieder einen neuen. Stolberg heißt der, Rudolf Kowalski spielt ihn. Geschonneck weiß auch nicht, warum er so viele Krimis dreht. Die spielen meist nachts, und danach kann er eben nicht mehr schlafen. Bei den „Nachrichten“ nach Alexander Osangs Roman ist ihm das nicht passiert. Klassische Studio-Situation. Und der Rest passierte taghell in Neubrandenburg: Nachrichten-Sprecher Landers, aus dem Osten, auf den Spuren seiner Vergangenheit. War er IM? Er kann sich an nichts erinnern. Und war es am Ende auch nicht.

Die Birthler-Behörde fand die „Nachrichten“, Roman und Film, völlig daneben. Die Grimme-Jury nicht. Matti Geschonneck macht das sehr zufrieden. Der Druck, der auf ihm lastete, war schon groß. Viel größer als jetzt bei seinem neuen Kommissar Stolberg. „Stolberg ist einfach, unspektakulär. Ich mag es.“ Bei den „Nachrichten“ war nichts einfach und unspektakulär. Schließlich ist Matti Geschonneck nicht der Einzige gewesen, der Osangs „Nachrichten“ verfilmen wollte. Wenn er sich überlegt, wie viele Stasi-Geschichten ihm schon angeboten wurden. Und wie viele er abgelehnt hatte. Zu holzschnittartig.

Matti Geschonneck wusste sofort, wer welche Rolle spielen musste. Dagmar Manzel natürlich die taffe „Spiegel“-Reporterin und DDR-Hasserin aus dem Osten, Henry Hübchen auf jeden Fall den Ex-Stasi-Führungsoffizier. Doch der wollte nicht. Der wollte viel lieber den versoffenen Neubrandenburger Lokaljournalisten spielen – denn eigentlich sind die Nachrichten vor allem ein Medien-Krimi. Hochaktuelles Genre. Aber an dem Ex-Führungsoffizier, fand Geschonneck, hing alles. Jemand, der einen Rest von Haltung behält, noch mit Hund auf dem Sofa vorm Fernseher („Dynaamo heißt das, eh Landers, du Arsch!“) – und doch spürte man die Gefährlichkeit des Mannes.

In der Tages-Zeitlosigkeit des Hotels knistert das Kaminfeuer, Matti Geschonneck, der Sohn des neben Manfred Krug bekanntesten DDR-Schauspielers Erwin Geschonneck, schaut wachschlafend hinein. Wie unwahrscheinlich es doch ist, dass aus manchen Dingen am Ende noch etwas wird. Aus Filmen. Oder aus Lebensläufen. Aus ihm selbst zum Beispiel. Als die Filmhochschule Potsdam ihn 1973 fragte, ob er zum Studium nach Moskau wolle, hat er sofort ja gesagt. Endlich raus aus der kleinen, engen, spießigen DDR. Dachte der Biermann-Freund Matti Geschonneck, 22 Jahre alt, der von seinem Vater eigentlich nicht viel mehr als seinen Namen kannte. Der Name hatte allerdings einen ziemlich kommunistischen Klang. Am Moskauer Eisenstein-Institut war dann – trotz Breschnew-Zeit – wirklich alles viel größer formatiert, so wie das ganze Land. Und Matti Geschonneck war sehr verstimmt, als man ihn zurückschickte in die DDR. Nur weil Biermann 1976 im Westen geblieben und er mit ihm befreundet war. Dass man ihn aus der Partei ausschloss, war Matti Geschonneck egal. Aber dass er sich plötzlich in Halle wiederfand, war ihm nicht egal. Er setzte durch, sein Examen in Moskau zu machen. Wenig später war er Regisseur mit Moskauer Diplom. Es war das Jahr 1978. Aber Matti Geschonnecks erster Film ist von 1991. Was hat er in der Zwischenzeit gemacht?

Der schlaflose Mann mit der Statur eines Boxers blickt auf: Ich war im Westen! Merkwürdigerweise interessierte sich da kein Mensch für einen ohne Lobby, der gerade aus Moskau kam. Er wohnte bei Biermann, er kannte ja sonst keinen. Aber Biermann kannte jemanden, der jemanden kannte ... So wurde Matti Geschonneck Regieassistent und schien es bleiben zu müssen. Kein Weg zu einem eigenen Film. Und dann, nach ewiger Vorbereitung, doch das Debüt, mit 38 Jahren. „Moebius“, die Geschichte eines verschwundenen U-Bahn-Zugs in Berlin. Können U-Bahnen verloren gehen? Klar, sagt Geschonneck, lacht und scheint plötzlich ganz wach zu sein: in der vierten Dimension. Man hört den U-Bahn-Zug, aber man sieht ihn nicht. Er schlägt sich an die Stirn: der erste Film und gleich die Verfilmung der vierten – unsichtbaren – Dimension!

„Moebius“ lief zwei Wochen in kleinen Filmkunsttheatern. Dann war Schluss. Aber er hatte während der Dreharbeiten Günter Lamprecht kennen gelernt, der suchte gerade einen „Tatort“-Regisseur. Nehmen Sie mich!, schlug der Absolvent des Moskauer Eisenstein-Instituts vor.

1995 drehte er die Altenheim-Komödie „Matulla und Busch“. Mit seinem Vater. Mit Erwin Geschonneck, der dieses Jahr 100 Jahre alt wird. Sie hatten sich nach der Wende besser kennen gelernt, oder nein: Sie haben sich überhaupt erst wirklich kennen gelernt. Aber niemals hätte Matti Geschonneck Erwin Geschonneck gefragt, ob er in seiner Altenheim-Komödie mitspielen möchte. Das mussten andere machen. Erwin wollte. Matti war beeindruckt. Erwin kannte sogar seine Filme! Und war unglaublich diszipliniert, fast regiehörig, sagt der Sohn. Ohne die Wende hätte Matti Geschonneck, der Dissident, seinen Vater, den Kommunisten, wohl nie wiedergefunden.

Und plötzlich versteht man, warum Matti Geschonneck einen Film nach dem anderen macht, manchmal zwei in einem Jahr. Warum er völlig frei ist von der Ich-drehe-nur-fürs-Kino-Attitüde so vieler Regisseure. Er ist ein Spätstarter. Es ist, als müsse er alles nachholen. So wie sein Vater, als er aus dem KZ kam und zu Brecht ging. Er will arbeiten, nur arbeiten. Und, wenn er noch einen Wunsch frei hätte, ein bisschen besser schlafen.

Matti Geschonneck musste als Freund von Wolf Biermann die DDR verlassen. Erst nach der Wende lernte er seinen Vater, den Schauspieler Erwin

Geschonneck, richtig kennen.

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