"Auf der Straße" mit Christiane Hörbiger : Hanna und ihre Tochter

„Auf der Straße“: Der Fernsehfilm entdeckt das Repertoire des Altwerdens. Manches wirkt dabei aber auch heillos überfrachtet.

Jan Freitag
Hanna Berger (Christiane Hörbiger, re.) möchte nicht mehr leben. Mecki (Nadine Boske) kommt gerade noch rechtzeitig.
Hanna Berger (Christiane Hörbiger, re.) möchte nicht mehr leben. Mecki (Nadine Boske) kommt gerade noch rechtzeitig.Foto: ARD Degeto/Svenja von Schultzend

Das Alter war auch schon mal angenehmer. Über Jahrzehnte hinweg klang „Lebensabend“ weniger nach Armut, Alzheimer, Freizeitstress als Kreuzworträtsel bei Kerzenschein und Ohrensessel vorm Kamin. Im Fernsehen früherer Epochen zum Beispiel wimmelt es nur so von altersmüden, aber gut gelaunten Rentnern, die dem nahenden Abschied gemütlich im Wohnzimmereck ihrer Lieben entgegenreifen. Das Alter, es war ein finales Daseinsviertel in Ruhe und Frieden: irgendwie warm, irgendwie wohlig, ganz anders also als das von Hanna Berger zu geraten droht.

Eben noch zufrieden verheiratete Bewohnerin einer ordentlichen Etagenwohnung mit Einbauküche im urbanen Wohlstandsgürtel, durchstreift die Seniorin nun Hamburgs Nacht wie ein Gespenst mit Rollkoffer, auf der ruhelosen Suche nach Essen und Obdach. Nun ist diese Hanna Berger natürlich ein Fantasieprodukt des geübten Autorenfilmers Thorsten Näter, der schon so manchen „Tatort“ mit sozialkritischer Textgrundlage versehen hat und nun eben Florian Baxmeyers TV-Drama „Auf der Straße“. Andererseits sind die Figuren der ARD-Primetime zusehends mittig angesiedelt zwischen Dichtung und Wahrheit, profaner Prosa und Alltagslyrik, von außen fiktional, im Innern authentisch.

Hanna Berger gibt es also gar nicht wirklich. Und es gibt sie doch. Sogar tausendfach – sowohl am Bildschirm als auch davor. Die Realität war nie so heimelig, wie uns die ergrauten Nebendarsteller agiler Hauptdarsteller durch alle Epochen des Familienprogramms suggeriert haben. Mit dem Unterschied, dass die Öffentlich-Rechtlichen abseits der watteweichen Pilcher-Pfade bereit sind, von den Problemen ihrer Zielgruppe zu erzählen. Neulich mit Robert Atzorn als Demenz-Kranker („Mein vergessenes Leben“) oder Heino Ferch als Lebenskünstler, der einen Schlaganfall erleidet („Der Verlust“). Von Dieter Hallervorden mit Alzheimer im Kino-Hit „Honig im Kopf“ ganz zu schweigen. Unvergessen auch Götz George als Alzheimer-Patient („Mein Vater“).

Mittellos, allein, überfordert

Und nun die Hörbiger, 76, als Hanna Berger, deren Mann exakt in dem Moment stirbt, als er seiner Gattin erstmals vom Schuldenberg erzählen will, den sein Weinhandel insgeheim angehäuft hat. Von einer Sekunde auf die andere ist die Hausfrau mittellos, allein, überfordert, und die Tochter (Margarita Broich) will auch nichts von ihr wissen. Es ist der Beginn einer fatalen Abwärtsspirale.

Dargestellt von einer Schauspielerin, die darin viel Übung hat. Seit Christiane Hörbiger vor zehn Jahren als sexuell aktive Seniorin in „Mathilda liebt“ erstmals explizit die Belange ihrer Alterskohorte verkörpert hat, ist die Wienerin längst zur Frau fürs Grobe geriatrischer Themen avanciert. Nach ihrer viel beachteten Alkoholikerin in „Wie ein Licht in der Nacht“ leiht Schauspielerin jedes Jahr einer Ruhestandsverwerfung ihr Gesicht: Altersdemenz („Stiller Abschied“), Altersheim („Zurück ins Leben“), Alterskonservatismus („Bis zum Ende der Welt“), nun also Altersarmut.

Vieles an der Darstellung dieses unerträglich ungerechten Zustands am früheren Sockel der kopfstehenden Alterspyramide wirkt zwar heillos überfrachtet; vom Gang zum Sozialamt, der Pfändung der Möbel nebst Wohnungsräumung bis hin zu Obdachlosigkeit, Alkoholexzess, Verwahrlosung, Straßenbettelei und Suizidversuch vergeht im Stakkato der Regieanweisungen gefühlt kaum eine Woche. Und wie schon in manch’ anderem ihrer Problemfilme zuvor neigt Christiane Hörbiger dazu, den unerwarteten Reigen relevanter Rollen im Spätherbst ihrer Karriere leicht zu überspielen.

Da muss diese Hanna also nach sieben bürgerlich-gesitteten Jahrzehnten auf Erden von heute auf morgen, dem Wahnsinn nahe, durch Bahnhofstunnel stromern und wirre Verwünschungen fluchen. Dennoch versteht es das Theatersippengewächs wie kaum eine Kollegin ihrer Generation, mit Würde zu verkarsten, wenn das Schicksal über jene hereinbricht, die ein Leben lang fleißig und duldsam waren. Das ist nicht nur für Betroffene starker Tobak. Aber keine Sorge: Am Sonntag im ZDF sitzen Senioren ja wieder auf der Sonnenseite des Lebens.

„Auf der Straße“, Montag, ARD, 20 Uhr 15

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben