Medien : Auf der Suche nach der Mitte

Eine ZDF-Doku über fünf ehemalige Berliner Hausbesetzer

Matthias Lohre

Was macht man, wenn die spannendste Zeit im Leben hinter einem liegt? Wenn man zu Wendezeiten Häuser wie das „Tacheles“ in Berlin-Mitte besetzt hielt, und wenn heute von der vage definierten Utopie „Anders leben“ nur geblieben ist, was gemeinhin am Ende von Utopien steht: ein unerfüllter Traum? Die Dokumentation „Mittendrin“ porträtiert fünf Menschen, deren Antworten nach 13 Jahren sehr unterschiedlich ausfallen. Ihre Lebenswege sind verknüpft durch ähnliche Erfahrungen zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Elf Monate in besetzten Häusern, Kellerkneipen und Theatern, voller Hoffnung auf eine Nische zwischen Ost und West.

Da ist der Sozialarbeiter Mathias, der sich in einem Jugendprojekt in Berlin-Mitte an der Perspektivlosigkeit seiner Schützlinge abarbeitet. Oder die Sachbearbeiterin Jutta, die bei der Wohnungsverwaltung Gewerberäume mit Vorliebe an „alternative“ Träger vergibt. Oder der stille Christian, der vom Ost-Punk zum Keyboarder der Band „Rammstein“ wurde. Als Teil des Systems versteht er sich aber nicht. Genauso wenig wie André, der heute wie damals mit seiner Band „Freygang“ in kleinen Clubs Rockmusik spielt. Und schließlich: Jochen, der vom Sprecher der „Tacheles“-Besetzer zum Intendanten der Berliner Schaubühne aufgestiegen ist.

In der Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ stellt das ZDF an vier aufeinander folgenden Montagen Nachwuchsfilme unter dem Motto „Anders leben“ vor. Das Debüt von Regisseur Marco Wilms macht den Anfang. Der Film stellt Videomaterial aus Wendezeiten Aufnahmen von heute gegenüber. „Rammstein“-Musiker Christian erscheint in den unscharfen Konzertaufnahmen des Jahres 1990 genau so einsilbig wie heute, wenn er auf einem Häuserdach vorm Panorama des nächtlichen Berlins steht.

Der Kontrast aus Anspruch und Wirklichkeit, Selbst- und Fremdbild legt dem Zuschauer die Frage nahe: Was bedeutet Authentizität? Wer trägt eine Lebenslüge vor sich her? Dankenswerterweise liefert der Regisseur keine plakativen Antworten, sondern beleuchtet die Biographien der fünf Personen von verschiedenen Seiten. Ein Teil des Lichts fällt dabei auf Wilms zurück. Zu Wendezeiten identifizierte sich der 37-Jährige aus dem Ostteil Berlins mit dem Wandel in seiner Stadt. Noch heute, sagt er, sind dieser Ort und seine Menschen seine Heimat. Das Motto, das er dem Film voranstellt, klingt daher wie ein Abgesang auf die eigene Jugend: „Die schönste Zeit im Leben ist die, wenn die alte Macht verschwunden und die neue noch nicht da ist.“

„Mittendrin“: 0 Uhr 05, ZDF

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