Medien : Auf der Todesliste

Im Chaos des Irak macht ein mutiger Mann eine unabhängige christliche Zeitung

Erwin Decker[Mossul]

Sein Bild hängt als Steckbrief an den Wänden der Moscheen. Sein Name steht auf der Todesliste der Islamisten. Sie machen regelrecht Jagd auf den stillen kleinen Mann. Er ist kein Politiker, kein Soldat oder überhaupt ein wichtiger Mann im Irak. Ramsi Hormous Jakob ist nur Christ und Journalist. Er macht die einzige unabhängige christliche Zeitung

„Ninavah Al Hurra“, auf Deutsch: „Freies Ninive“. Diese Zeitung liefert den fanatischen Islamisten im Irak 1000 Gründe, um Ramsi Hormous Jakob zu ermorden. Wer von den Christen im Irak ein Exemplar der „Ninavah Al Hurra“ in die Hände bekommt, liest es bis auf die letzte Seite. Die Assyrer wissen, dass das, was Ramsi schreibt, auch der Wahrheit entspricht. Er hängt nicht am Tropf eines dubiosen Geldgebers, der erwartet, dass er sein Sprachrohr ist. Im Irak sind nahezu alle Zeitungen reine Propagandamittel für Parteien, Islamisten oder ganz besonders der USA. Ramsi Hormous Jakob macht mit zwanzig freien Mitarbeitern, die im ganzen Irak verteilt sind und alle kein Honorar bekommen, jeden Monat die zwölfseitige „Ninavah Al Hurra“, eine modern gemachte Zeitung mit Themen, die besonders die christliche Minderheit im Irak interessieren. Und ihnen auch Mut machen soll.

Auf der ersten Seite der März-Ausgabe standen die Attentate und Bombenanschläge gegen Christen im Irak. Gleich darunter ein Artikel über Bildungschancen für Jugendliche. Die Seite drei befasste sich mit der Vogelgrippe und einer professionellen Aufklärung. Auf der nächsten Seite eine Reportage über einen Mann, der im Irak Zivilcourage zeigte. Zwei Seiten sind von Frauen für Frauen gemacht. Die Sportseiten zeigen die ersten Gehversuche von kleinen Fußballclubs im Nordirak. Interviews, Kreuzworträtsel und eine Leserkritik runden die letzte Seite ab. Nirgendwo wird abfällig über Moslems geschrieben. „Bis vor zwei Jahren haben wir friedlich mit ihnen zusammen gelebt. Es ist für mich unverständlich, dass wir plötzlich als verhasste Ungläubige gelten, man nach unserm Leben trachtet und wir vertrieben werden. Wir wollen nicht mit gleicher Münze zurückzahlen. Ich bin nach wie vor sicher, dass die meisten Moslems friedliche Menschen sind", sagt Ramsi Hormous Jakob. Weil er kein eigenes Büro hat, stellt ihm eine assyrische Partei einen kleinen Raum mit museumsreifen Computern zur Verfügung. Mit etwas Glück funktioniert hier auch sein E-Mail-System, und er bekommt die Beiträge seiner Mitarbeiter.

Der 39-jährige Ramsi ist ledig, wohnt zu Hause bei seiner Familie. An Gelegenheiten, eine Frau kennen zu lernen, mangelt es nicht. Im Ort herrscht ein Frauenüberschuss von 75 Prozent. „Ich könnte mit meiner Arbeit aber keine Familie ernähren. Ich könnte mit der Verantwortung nicht leben", sagt Ramsi. „Bitte schreiben Sie nicht, dass ich mutig bin. Es gibt Tage, da habe ich furchtbare Angst. Nur im Irak gilt man als Schwächling, wenn man so etwas zugibt.“

Er hat kein Einkommen, lebt von seiner Großfamilie. Von Auto oder eigenem Computer kann er nur träumen. Er hat zwei Hosen, drei Hemden und zwei Paar Schuhe. Seit einem Monat besitzt er eine Ersatzbrille. Ramsi Hormous Jakob ist Journalist aus Leidenschaft. Bis spät in der Nacht flackert eine Kerze auf seinem Schreibtisch, und er schreibt von Hand weiter. Außer mit einem Graphiker macht Ramsi die Zeitung allein. „Da kein Geld da ist, um Mitarbeiter zu bezahlen, bin ich auf Freiwillige angewiesen. Meist sind es Studenten von der Universität in Mossul.“ 1988 hat er einen Kurzgeschichten-Wettbewerb gewonnen. Während der Saddam-Zeit konnte er nur über Kunst Schreiben. Kritik wäre in dieser Zeit tödlich für den Autor gewesen. Am 1.August 2003, sechs Monate nach dem Krieg, erschien die erste Ausgabe von „Ninavah Al Hurra“. Ninive ist die Hauptstadt des alten assyrischen Reiches 700 Jahre vor Christus.

Ramsi wünscht sich einen Sponsor für seine Zeitung. Er sollte sich aber nicht in die Inhalte einmischen. Am besten wäre Hilfe aus dem Ausland. „Wir haben festgestellt, dass wir mindestens 10 000 Zeitungen jede Woche verkaufen könnten." Der Verkaufspreis ist fünfzehn Cent. Schulen und Jugendgruppen erhalten das Blatt umsonst. Die Druckkosten von 450 Dollar für eine Auflage von 4000 Exemplaren bekommt er meist nicht zusammen. Christliche Geschäftsleute betreiben Sponsering. Anzeigen gibt es im Nachkriegschaos nicht. Das größte Problem ist der Druck. Bis auf eine Druckerei sagten Ramsi alle ab. Es sei zu gefährlich, eine christliche Zeitung herzustellen. Wenn das bei den Islamisten bekannt werde, droht das Abfackeln der Druckerei. Über Mittelsmänner fand Ramsi einen Drucker, der mit einer Christin verheiratet ist. Seine Frau überredete den Drucker. Ab 20 Uhr ist in Mossul Sperrstunde. Dann wird „Ninavah Al Hurra“ gedruckt. „Wenn das erste Exemplar aus der Presse kommt, habe ich immer noch Herzklopfen. Wieder einmal geschafft."

Ramsi muss jedoch vorher unter Lebensgefahr die CD mit den Texten und Fotos von seinem Dorf in Hamdaniya, 20 Kilometer außerhalb von Mossul, zur Druckerei bringen. Er hat den Datenträger versteckt in sein Hemd eingenäht. Wenn ihn einer der Extremisten erkennen würde, wäre dies sein sicherer Tod. In Zigarettenkartons versteckt werden die Zeitungen mit Taxis an die Verteilstellen gebracht. Geldgeber, die bei seiner Zeitung einsteigen wollen, gibt es genug. Ganz besonders die Demokratische Partei Kurdistans ( KDP ) würde sofort einen größeren Geldbetrag investieren. Grundvoraussetzung wäre allerdings, dass Ramsi in jeder Ausgabe die Partei positiv erwähnt, keine Kritik an den Kurden übt und eine Seite in Kurdisch druckt.

Wie die Pressefreiheit bei den Kurden mit Füßen getreten wird, hat der Journalist am eigenen Leib erleben müssen. Als er darüber schrieb, wie die Kurden bei der vorletzten Wahl die Urnen aus dem ganzen Ort verschwinden ließen, wurde er von den gleichen Leuten, die sich an seiner Zeitung beteiligen wollen, tagelang verhaftet und verprügelt. „Ich werde auch nicht vergessen, dass vor kurzer Zeit ein Journalist, der den kurdischen Präsidenten Basani kritisierte, zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.“

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