Medien : Auf großer Fahrt

Venio Piero Quinque

Für manche ist es der sechste Kontinent der Erde: das Meer. Diese Menschen und alle anderen, die eine heimliche Leidenschaft für die Ozeane pflegen, sollten heute schon mal Ölzeug und Südwester bereithalten: Denn um 14 Uhr 30 geht "mare TV" auf große Fahrt im Ersten, mit dem Themenschwerpunkt "Stürme".

"Das Magazin der Meere", das unter dem Kommando des NDR-Fernsehens produziert wird und auch schon im WDR zu sehen war, schaffte das, was für die Wellenchefs der Dritten Programme die gleiche Bedeutung hat wie die Umsegelung von Kap Hoorn für Seeleute: Der Törn vom Regional-Programm auf einen exponierten Sendeplatz der ARD. Der erfolgreiche Wellenritt erstaunt. Denn "mare TV" schippert völlig anders daher als das, was sonst so aus dem Fernseher schwappt: In den Beiträgen verarbeiten die Autoren ihre Themen aus anderen, oft überraschenden Perspektiven, was sich nicht zuletzt in den Bildern zeigt, die sie mit ihren Kameraleuten von den Reisen zurückbringen. Das Tempo der einzelnen Stücke ist ruhig, aber nie lahm: Die Macher gönnen sich und den Zuschauern einfach die Zeit, die eine Geschichte braucht, um erzählt zu werden. Und so trifft man die Sturm erprobten Helden der "Air National Guard", die ins Flugzeug steigen, wenn Schiffe im Sturm kurz vorm Kentern sind. Erfährt im historischen Stück etwas über den dramatischen Untergang des Containerschiffs "München". Und stößt auf einen filmischen Essay über das Gegenteil von Sturm, die Flaute.

Formate, die sich so etwas im Meer der TV-Belanglosigkeiten noch leisten wollen, müssten eigentlich sofort kentern. Tun sie meistens auch. Aber "mare TV" nicht: Beim NDR-Fernsehen kam das Programm nach Senderauskunft auf durchschnittlich rund 800 000 Zuschauer, bisweilen waren es sogar 1,3 Millionen. ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann, nach eigenem Bekenntnis nicht überdurchschnittlich maritim veranlagt, wurde aufmerksam, ließ sich einige Videobänder schicken und plante den Stapellauf von "mare TV" im Ersten: Für vorerst drei Folgen, um eine Viertelstunde auf 30 Minuten gestutzt. "Probeweise", wie von der Tann betont. Dass der Testlauf ein Erfolg werden könnte, indizieren erste Reaktionen: Gern zitiert Ralf Quibeldey, der zuständige "mare TV"-Redakteur beim NDR-Fernsehen, aus E-Mails, in denen Zuschauer sich "herzlich für die Programm-Insel bedanken". Solch überschwängliches Lob kommt irgendwie bekannt vor, ähnliches ist häufig von einer Zeitschrift zu hören, die seit 29 Ausgaben als "Zeitschrift der Meere" firmiert: Denn "mare TV" ist das Schwesterschiff des gedruckten Monatstitels "mare" - Ähnlichkeiten sind ganz und gar nicht zufällig: "Die Kollegen des Print-Titels sind ein Bergwerk an Meersachverstand, von dem wir profitieren", sagt Ralf Quibeldey über die Zusammenarbeit. Nikolaus Gelpke, Gründer, Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift "Mare", offeriert in den Themenkonferenzen beim NDR das, was bereits im Heft aus Hamburg erschienen ist oder noch kommen wird. Was sich für das Fernsehformat umsetzen lässt, wird produziert. Bei einem zufälligen Treffen war Gelpke von NDR-Kulturchef Thomas Schreiber der Vorschlag zur Kooperation unterbreitet worden: Der mastlange Schweizer mit der Sehnsucht nach dem Meer sagte zu, und "mare TV" ging vor knapp einem Jahr auf Sendung.

Die journalistische Handschrift Gelpkes, der sich sein Meeresbiologie-Studium als Taucher verdient hat, hat sich offenkundig auch ins Fernsehen übertragen. "Wenn ich die Sendungen dann sehe, stelle ich gelegentlich fest, dass die Fernsehkollegen manche Themen sogar besser hingekriegt haben als wir", sagt Gelpke anerkennend.

Passend zum aktuellen "Stürme"-Schwerpunkt gab es bei "mare TV" kurz vor dem Start mittlere Turbulenzen: NDR-Kulturchef Thomas Schreiber kündigte der Produktionsfirma Bilderwelt den Vertrag. Über den Grund schweigt er sich aus. Die Produktion von "mare TV" wird nun neu ausgeschrieben.

Ein Wechsel der Mannschaft also - und das trotz erfolgreicher Zusammenarbeit? Das kann nur Landratten wundern, die nicht wissen, dass Fernsehen und Seefahrt ganz eigenen Gesetzen unterliegen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben