Auf Leben und Tod : Die Gipfelstürmerin

„Die Hebamme“: Brigitte Hobmeier fasziniert in einem unprätentiösen ZDF-Historiendrama.

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Ruf und Berufung. Die Hebamme Rosa Koelbl (Brigitte Hobmeier) geht unter den bösen Blicken der Dorfbewohner ihren eigenen Weg. Foto: ZDF
Ruf und Berufung. Die Hebamme Rosa Koelbl (Brigitte Hobmeier) geht unter den bösen Blicken der Dorfbewohner ihren eigenen Weg....Foto: Christian Hartmann

Es gibt Historienfilme, in denen sehen die Schauspieler von Anfang bis zum Ende verkleidet aus. Sie wirken hineingesteckt in ihre aufwendigen Kostüme und jede Kamera-Einstellung ruft: „Seht her, was wir uns für eine Mühe mit der Ausstattung gemacht haben!“ Und es gibt Historienfilme, in denen sich die Schauspieler ganz selbstverständlich in ihren Gewändern bewegen, so als gehörten sie und ihre Gesichter tatsächlich in diese Zeit. Das Fernsehdrama „Die Hebamme – Auf Leben und Tod“ gehört zu dieser Kategorie, und das liegt vor allem an der Hauptdarstellerin Brigitte Hobmeier. Es sind nicht nur ihr Renaissance-Gesicht und ihre märchenhaften roten Haare, die sie zu einer Ausnahmeerscheinung machen. Es ist ihre zurückgenommene Art zu spielen, die dazu führt, dass man sie von Anfang an, wenn sie mit großen Schritten mit einem Gebärhocker auf dem Rücken den Hang hinaufstürmt, tatsächlich für eine Hebamme hält. Inmitten der finsteren Bergwelt des Jahres 1813 und der feindseligen Machenschaften von Ärzten und Klerikern strahlt sie auf fast magische Weise eine Aura von Ruhe und Angstfreiheit aus.

Rosa Koelbl ist eine Hebamme in Tirol, die seit dem Tod ihres Mannes mit ihrer jüngeren Schwester Anna (Pippa Galli) zusammenlebt. Als die ungewollt schwanger wird, flieht Rosa mit ihr in die Stadt, wo sie auf Empfehlung des Arztes Gennaro Kauner (Mišel Maticevic) eine Anstellung in der neu gegründeten Gebäranstalt von Medizinalrat Aigner (August Zirner) findet. Dessen Ziel ist es, armen und unehelich schwanger gewordenen Frauen eine medizinisch betreute Geburt zu ermöglichen. Im Gegenzug müssen sich die Frauen allerdings angehenden Ärzten für deren Ausbildung zur Verfügung stellen. Während sie sich privat zueinander hingezogen fühlen, kommt es bei der täglichen Arbeit in der Gebäranstalt zu Spannungen zwischen Rosa und Gennaro. Vom Anstaltsleiter zusätzlich unter Druck gesetzt, erträgt der ehrgeizige Medicus kaum, dass ihm die einfache Hebamme Rosa an Wissen und Erfahrung überlegen ist. So kann sie zum Beispiel mithilfe von zwei Holzstäben, die mit einer Schnur verbunden sind, ein Ungeborenes, das mit den Füßen nach unten im Mutterleib liegt, wenden. Kaiserschnitte, die damals immer mit dem Tod der Mutter endeten, versucht sie zu verhindern. Außerdem fällt ihr auf, dass Wöchnerinnen, bei denen unter der Geburt eine Nottaufe vorgenommen wurde, häufiger im Kindbett sterben. Die Kirche bestand in jener Zeit darauf, dass dabei mit einer langen Metallspritze Weihwasser, das natürlich nicht keimfrei war, in die Gebärmutter gelangte. Hebammen, die sich weigerten, die Taufspritzen zu benutzen, kamen ins Gefängnis und verloren oft für immer ihre Approbation.

Auch wenn es die Figur der Rosa Koelbl nicht tatsächlich gab, beruht „Die Hebamme“ doch auf wahren Begebenheiten, die auch heute noch blanke Empörung auslösen können. „Der Film soll kein wütender Angriff auf die Kirche sein“, sagt Drehbuchautor Peter Probst, der selbst Jesuitenschüler und Arztsohn ist und bisher hauptsächlich Bücher für Fernsehkrimis verfasst hat. „Es geht lediglich um einen konkreten Irrtum der damaligen Zeit.“

Peter Probst orientierte sich bei der Geschichte, die auf einer Idee der Autorin Monika Bittl basiert, an historischen Hebammen-Büchlein, in denen Geburtshelferinnen ihr jahrhundertealtes Wissen weitergaben. Seine Rosa Koelbl ist zwar eine Kämpferin, aber sie muss zum Glück keine flammenden Plädoyers im Namen der Frauen halten oder mit großer Emphase die Heldin geben. Stattdessen macht sie mit Hingabe ihre Arbeit und ist auf leise Art ungeheuerlich stark. Um sie scheint ein ganzer Kosmos zu kreisen. Für Brigitte Hobmeier, die an den Münchner Kammerspielen längst ein Star ist, war „Die Hebamme“ nach Filmen wie „Tannöd“ oder „Nichts als Gespenster“ die erste große Hauptrolle im Fernsehen. Sie trägt den Film mit einer faszinierenden Schlichtheit und Konzentration. Dagegen hat selbst ein hochkarätiger Schauspieler wie Mišel Maticevic („Im Angesicht des Verbrechens“) kaum eine Chance. Wer durch diesen Film ein Hobmeier-Fan geworden ist, der kann sich den 18. August vormerken. Dann ist sie im Kino mit „Orange“ von Marcus H. Rosenmüller zu sehen.

„Die Hebamme“ ist ein rundum gelungenes, unprätentiöses Historiendrama. Regisseurin Dagmar Hirtz („Mein Mann, seine Geliebte und ich“), von Hause aus Cutterin, und ihr Kameramann Jo Heim haben großartig komponierte Bilder geschaffen, die trotz der detailgenauen Ausstattung (Rudi Czettel) und der stilvollen Kostüme (Ingrid Leibezeder) immer frei von Selbstgefälligkeit sind.

„Die Hebamme – Auf Leben und Tod“, ZDF, 20 Uhr 15

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