Medien : Auf Sinnsuche

Die Deutsche Welle fördert seit 50 Jahren weltweit das Ansehen Deutschlands. Im eigenen Land fühlt sie sich vernachlässigt

Thomas Gehringer

Es musste schon ein Bundespräsident sein, um den neuen Rundfunksender auf die Reise zu schicken. Er sende einen ersten Gruß, der „das Ohr und auch das Herz der Menschen deutscher Herkunft, Art und Sprache in aller Welt sucht“, sagte Theodor Heuss am 3. Mai 1953 als erster Gast ins Mikrofon der Deutschen Welle (DW). Das mit der „deutschen Art“ klang ein wenig seltsam, davon hatte die Welt damals mehr als genug. Aber das demokratische Deutschland hatte nun mit der Welle eine neue Stimme, die nicht nur die „lieben Landsleute“ (Heuss) in der Fremde mit Informationen aus der Heimat versorgen, sondern die sich im Ausland nach Ansicht nicht nur des Bundespräsidenten auch für „Entkrampfung“ stark machen sollte. So war es also schon immer: Die Deutsche Welle sollte ganz Verschiedenes leisten, und das alles auf einmal. Und so ist es auch gekommen: Die Welle ist ein ziemlich unübersichtliches Haus geworden, in dem 1500 Menschen aus mehr als 60 Ländern Hörfunk, Fernsehen und Internetseiten in 30 Sprachen sowohl für den deutschen Manager auf Geschäftsreise als auch für den keine Silbe Deutsch sprechenden Einwohner Bagdads produzieren. Die babylonische Vielfalt ist Stärke und Schwäche zugleich.

„Für uns war die größte Überraschung, dass wir auf einmal so bekannt wurden“, wundert sich Khaula Saleh, die Leiterin der arabischen Hörfunk-Redaktion in Köln, über das plötzliche Interesse der Öffentlichkeit während des Irakkrieges. Medien in Deutschland berichteten über die Arbeit von Salehs 17-köpfigem Team, was wirklich ungewöhnlich ist; denn ansonsten nimmt man von der Arbeit der DW wenig Notiz. Warum auch, sie kann hier ja nicht empfangen werden. „Die Welle hat ein kleines Problem“, untertreibt DW-Sprecher Johannes Hoffmann. „Sie ist im öffentlichen Bewusstsein nicht so verankert wie der BBC World Service in Großbritannien.“ Laut Medienforschung ist die Deutsche Welle 56 Prozent der Deutschen ein Begriff. Die Menschen im Kosovo (97 Prozent), in Tansania oder Nigeria, wo es jeweils über vier Millionen DW-Hörer gibt, können mit ihr mehr anfangen. Und ein Sender, dessen Hörerpost allein zu einem guten Drittel in den Sprachen Urdu, Bengali und Hindi geschrieben ist, wird hierzulande bestenfalls unter der Rubrik „Kuriosum“ wahrgenommen.

Der Nutzen für den Steuerbürger „lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Die Deutsche Welle fördert das Ansehen Deutschlands weltweit“, sagt DW-Intendant Erik Bettermann. Das klingt gut, ist jedoch schwer zu belegen. Mangels Einschaltquoten verweist die Welle auf beeindruckende Zahlen bei der Hörer- und Zuschauerpost, auf die 4500 Partnerstationen in aller Welt, die das DW-Programm übernehmen, und auf punktuelle Erfolge wie den im Kosovo-Konflikt eingerichteten Suchdienst, bei dem per Radio nach Familienmitgliedern geforscht werden konnte. In Afghanistan hilft die Welle beim Aufbau des Fernsehens mit, und auch in der Irakkrise sah sich die DW als Gewinner, weil die BBC und die amerikanischen Sender nicht mehr als neutrale Berichterstatter wahrgenommen worden seien. Khaula Saleh spricht voller Enthusiasmus davon, dass ihre Redaktion „eine Brücke zwischen Deutschland und der arabisch-islamischen Welt“ schlage. Allerdings weiß sie auch, dass die Welle mit ihren technischen und personellen Kapazitäten nicht mit der BBC mithalten kann. Nur eine magere halbe Stunde am späten Abend ist das arabische Programm über die attraktivere Mittelwelle zu empfangen, ansonsten werden dreieinhalb Stunden Programm über Kurzwelle ausgestrahlt. Gäbe es ein Jubiläumsgeschenk, würde sich Khaula Saleh daher „lange Sendezeiten auf Mittelwelle“ wünschen.

Doch Geschenke sind nicht unbedingt zu erwarten, sieht man davon ab, dass vor der offiziellen Feier am 27. Juni der Umzug der Kölner Zentrale aus dem Asbest verseuchten Hochhaus in den Bonner Schürmann-Bau in Schwung kommt.

Manche empfinden das als Fortschritt, doch von einem Ende der Verunsicherung, gar von Aufbruchstimmung bei der DW-Belegschaft kann keine Rede sein. Nach der Wiedervereinigung geriet die sich bis dahin auch als Stimme des Westens verstehende Welle in eine Identitätskrise, die durch die Globalisierung verstärkt wird: Denn welchen Sinn hat ein Auslandssender, wenn auch ARD- und ZDF-Programme per Satellit in anderen Ländern zu empfangen sind? Dennoch wurde Berlin als Fernsehstandort aufgebaut, der ostdeutsche Sender Radio Berlin International abgewickelt. Neben dem mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln ausgestatteten DW-TV zählt der vor einem Jahr gegründete Pay-TV-Sender German TV in den USA zu den ehrgeizigsten Welle-Projekten. 20,5 Millionen Euro hat die Bundesregierung dafür in den ersten vier Jahren zur Verfügung gestellt. Mittlerweile haben 5000 Kunden German TV abonniert; 70 000 wären notwendig, damit sich das Programm finanziert. Immerhin hat die rot-grüne Regierung German TV mit aus der Taufe gehoben. Doch die nach dem Wahlsieg 1998 angemahnte Reform bei der Welle ist das noch nicht. SPD und Grüne hatten vor allem das Ziel, die politischen Seilschaften des konservativen Intendanten Dieter Weirich (CDU) zu zerschlagen. Und nebenbei kräftig zu sparen: Hunderte Stellen und manche Hörfunk-Redaktionen wurden gestrichen. Mit Erik Bettermann leitet mittlerweile ein Sozialdemokrat den Sender.

Das Reformkonzept dagegen steht noch aus. Vor dem Ende der Legislaturperiode will Kulturstaatsministerin Christina Weiss nun Änderungen im Deutsche-Welle-Gesetz durchsetzen. Ihre Vorschläge gehen laut Intendant Bettermann „in die richtige Richtung“. Seiner Ansicht nach sollte die Welle einen „Forum-Charakter“ annehmen und den Dialog vor allem mit der islamischen Welt sowie Mittel- und Osteuropa als Beitrag zur EU- Integration suchen. Was das konkret für Programm und Arbeitsplätze bedeutet, würden manche DW-Mitarbeiter gerne wissen. Der Intendant erklärt, die notwendigen Schwerpunkte im Programm seien bereits gebildet, von weiterem Abbau könne also keine Rede sein. Das gelte auch für den Fernsehstandort Berlin, wo das Satellitenprogramm von DW-TV bei einem Erfolg von German TV weiter regionalisiert werden soll. Bettermanns Geburtstagswunsch: „finanzielle Planungssicherheit über vier oder fünf Jahre“.

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