Medien : "Aufbau" im Aufbruch

Christine-Felice Röhrs

Irene Armbruster ist schon ganz zappelig. Die Baumarkt-Gruppe kommt und kommt nicht wieder. Und sie steht allein im neuen Redaktions-Büro und guckt ins Leere. Nichts da, womit sie den Ikea-Stuhl namens Traktor zusammenbauen könnte. Der liegt in verwirrend zahlreichen Einzelteilen in der Ecke. Ratlos greift sich Armbruster mal dieses, mal jenes. Legt es zurück. Bin technisch unbegabt, sagt sie. Draußen steht das Auto im Halteverbot.

Sobald ein Polizeiauto die Straße hoch fährt, saust Armbruster ans Fenster. Es ist Sonnabend, Haupteinkaufszeit im Gesundbrunnen-Center gleich um die Ecke. Da gibt es viele Parksünder. Und viel Polizei. Die Redaktions-Praktikantin hüpft vor Langeweile auf einer knarrenden Diele auf und ab.

So ein Einzug dauert. Vor allem, wenn kein Geld da ist, Profis zu engagieren. Und der "Aufbau", das deutsch-jüdische Traditionsblatt aus New York, ist chronisch unterfinanziert. Ein Korrespondenten-Büro aufzumachen, das ist dann halt eine Sache, die viel Einfallsreichtum erfordert: Deshalb zieht der "Aufbau" nicht nach Mitte, sondern nach Wedding. In eine Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss eines grauen Wohnblocks. Und deshalb sind die Stühle für die Redaktionsbesprechungen uralt. Irgendwann, heute oder morgen, will Irene Armbruster sie neu "beziehen", sprich: Stoff mit dem Tacker drauf nageln. Am Mittwoch soll alles fertig sein, dann kommt Chefredakteur Lorenz Wolffers aus New York. Am Donnerstag ist Eröffnung. Und von Freitag an werden in diesem Büro für jede Ausgabe des alle zwei Wochen erscheinenden "Aufbau" drei bis vier Seiten Berlin-Nachrichten produziert.

Dass der "Aufbau" nach Berlin kommt, das ist eine Revolution in der Geschichte des kleinen Blattes. 1934 gegründet als Vereinszeitung des German-Jewish-Club, einer Hilfsorganisation für Emigranten, entwickelte sich der "Aufbau" schnell zur auflagenstarken Wochenzeitung. In Rubriken wie "Probleme des Alltags" oder "Aus der Welt der Frau" versuchten die Redakteure, ihren Lesern das Leben im fremden Land zu erleichtern.

Sie gaben Einkaufstipps, veröffentlichten Stellen- und Wohnungsanzeigen und wiesen auf Englischkurse hin. Gleichzeitig war die Zeitung Forum für die intellektuelle Prominenz: Für den "Aufbau" schrieben Lion Feuchtwanger, Albert Einstein, Thomas Mann, Franz Werfel und Hannah Arendt. Zu seinen besten Zeiten wurden mehr als 50000 Exemplare weltweit verkauft. Dann kam der Niedergang.

Er kam, weil die ursprüngliche Leser-Generation, die "Generation Exodus", wie der Historiker Walter Laqueur sie einmal genannt hat, ausstarb. Und ausstirbt. Jede Todesanzeige - ein Abo weniger. Vor drei Jahren war der Tiefpunkt erreicht, mit gerade mal 5000 verkauften Zeitungen.

Seitdem versuchen die Redakteure, den "Aufbau" zu verjüngen und vertriebs- und marketingtechnisch aufzumöbeln. Der erste Schritt: Im August 2000 haben die Mitarbeiter ihr Blatt gekauft und eine "Fundraiserin" angestellt. Ihre Aufgabe ist es, bei Unternehmen und Privatleuten um finanzielle Unterstützung zu werben. Der zweite Schritt: die inhaltliche Umstellung: Der "Aufbau" soll eine mehr transatlantisch-politische denn rein jüdische Zeitung werden. Im April soll es einen Relaunch, eine Umstellung des Designs geben. Der dritte Schritt: der Aufbau des Berlin-Büros - Armbrusters Job.

Seit fast fünf Jahren ist Irene Armbruster beim "Aufbau". Seit fast einem Jahr in Berlin. Ein Berlin-Gefühl? "Hmmm, was soll ich sagen? Der Winter ist lang", sagt sie. Und lächelt das Heimweh weg. Nach New York. Nach strahlend blauen Wintertagen. Nach der verschworenen Gemeinschaft im Redaktionsbüro 2121 Broadway, wo Lisa Schwarz, die 80-jährige Sekretärin mit den verrückten Hüten, die Besucher empfängt. Nach den zwei Monikas und Lorenz Wolffers, der als Vertretung kam. Und blieb. Wie Irene Armbruster, die nach ihrem Praktikum auch einfach nicht mehr nach Hause gereist ist.

Die "Aufbau"-Korrespondentin ist keine Jüdin. Sozialisiert wurde sie in der christlichen Jugendbewegung, sagt sie. Aber interessiert hat sie sich schon als Mädchen für das Judentum. Ihre Magisterarbeit schrieb sie über die jüdische Frauenbewegung in der Weimarer Republik. Sie forschte so lange, bis sie einige der Frauen in der neuen Welt und in Geschichten des "Aufbau" wiederfand. Sie meldete sich für ein Praktikum. Sie blieb. Sie ging nach Berlin. Das ist schon die ganze Geschichte. Jetzt beginnt eine neue.

Bisher hat Armbruster von zu Hause aus gearbeitet, in der Wohnung am Südstern. Sie hat Antrittsbesuche gemacht bei der Jüdischen Gemeinde, im Jüdischen Museum und im Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam, dessen Leiter Julius H. Schoeps künftig als deuscher "Aufbau"-Herausgeber arbeiten wird. Armbruster hat für die Berlin-Schwerpunkt-Ausgabe Interviews geführt mit Klaus Wowereit, mit Bernhard Schlink und Alexander Brenner. Sie hat einen Freundeskreis gegründet, Kontakte geknüpft. Und Schreiber "gecastet". Jede Woche fünf neue Bewerbungen, eine wahre Flut, immer noch. Aber jetzt steht der Stab.

Es sind 15 freie Mitarbeiter, alle um die 30. Darunter auch Amerikaner. Die neue "Aufbau"-Stategie zur Rückgewinnung der Leser sieht nämlich vor, die Zahl der englischen Artikel zu erhöhen, um in Amerika auch die zweite und dritte Generation der Holocaust-Überlebenden zu erreichen. Jene, die nicht mehr deutsch sprechen.

Das Interesse an der jüdischen Geschichte steigt. Jeden Tag kommen Abo-Anfragen von Interessierten im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, sagt Lorenz Wolffers über eine knistrige Telefonleitung aus New York. 10000 Menschen kaufen den "Aufbau" nun wieder. Ein Fünftel, rund 2000, sind Deutsche. Bis Ende des Jahres sollen es drei bis viertausend Käufer sein hierzulande.

Alles in allem: viel Stress, aber kaum echte Probleme. Nur das mit der Zeitverschiebung: Wenn sich die Kollegen in New York um 14 Uhr zur Besprechung zusammensetzen, zu der auch das Berliner Büro zugeschaltet wird, ist es draußen vor Irene Armbrusters Fenster schon dunkel. Acht Uhr. Mit Kinobesuchen wird es da wohl schwierig werden. Mit dem Privatleben überhaupt. Der Ehemann in Stuttgart, der schon während ihrer New-York-Zeit Strohwitwer war, muss es nun noch länger bleiben.

Doch das ist jetzt alles Nebensache. Die Ikea-Tischlampen sind da. "Die billigsten sind die besten", sagt Armbruster, klar. Sie heißen Tertial. Aber Tertial und Traktor müssen wohl noch eine Weile aufs Zusammenbauen warten. Die Baumarkt-Truppe mit dem Werkzeug ist immer noch nicht zurück.

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