Aufbruch ins Erwachsenleben : Wie jetzt?

Die ARD zeigt die gelungene Verfilmung von Sven Regeners 80er-Jahre-Roman „Neue Vahr Süd" - eine entspannte, bisweilen irre komische Zeitreise.

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Diese da oder jene? Birgit (Rosalie Thomass, vorn) macht sich auf einer Party an Frank Lehmann (Frederick Lau) ran. Sibille (Miriam Stein) verabschiedet sich. Foto: ARD
Diese da oder jene? Birgit (Rosalie Thomass, vorn) macht sich auf einer Party an Frank Lehmann (Frederick Lau) ran. Sibille...Foto: WDR/Thomas Kost

Bremen, 1980, Vor-Wende-Zeit. Der Osten war noch der Feind, die Friedensbewegung machte mobil. Die Kriegsdienstverweigerer wurden zur Gewissensprüfung gerufen und die K-Gruppen verteilten an der Uni Flugblätter. Rauchen war noch selbstverständlich und das erste Auto konnte ein Opel Kadett sein.

Mittendrin Frank Lehmann, genannt Frankie, der nicht so recht weiß, was aus ihm werden soll. Seine Freunde sind Studenten, mit denen er in einer sagenhaft vermüllten WG lebt, und Harry, der leicht reizbare Rocker, für den Frankie „mehr so der Hippietyp“ ist. Vor lauter Unentschlossenheit hat Frank Lehmann nach seiner Lehre zum Speditionskaufmann vergessen zu verweigern. Das irritiert alle, seine Eltern, seine linken Freunde, ihn selbst. Aber nun muss er zur Bundeswehr, in eine Art Paralleluniversum, wo fortwährend gebrüllt und strammgestanden wird. Und wo Franks hartnäckiges, aber unpräzises Hinterfragen – „Wie jetzt?“ – die Stimmung auch nicht bessert. Außerdem sind da zwei Frauen, zwischen denen er sich nicht entscheiden kann. Der Aufbruch ins Leben, ins Erwachsensein könnte kaum chaotischer sein. Und kaum komischer.

Geht das überhaupt: „Neue Vahr Süd“ als Fernsehfilm zu inszenieren, noch dazu ohne Christian Ulmen, den „Herrn Lehmann“ aus Berlin? Diesmal spielt Frederick Lau die Hauptrolle, ein Nachwuchsschauspieler, der trotz seiner erst 21 Jahre die Stirn schon in beachtliche Falten legen kann, der kein Allerweltsgesicht hat, es ist proletarisch und sanft zugleich. Das passt zu Lehmanns schiefer Nachdenklichkeit, die im Roman in langen inneren Monologen zum Ausdruck kommt. Auf einen Off-Kommentar haben Autor Christian Zübert und Regisseurin Hermine Huntgeburth verzichtet, was den Vorteil hat, dass der Film nicht zugetextet wird.

Sven Regener erklärte, „es ist ein ordentlicher Film geworden“. Das will was heißen. Der Musiker und Schriftsteller hat die Drehbücher zu seinen eigenen Romanen „Herr Lehmann“ und „Der kleine Bruder“ selbst geschrieben, die Regie zu beiden Kinofilmen übernahm Leander Haußmann. Eine Verfilmung von „Neue Vahr Süd“, seinem zweiten, knapp 600 Seiten starken Buch, das die Geschichte von Frank Lehmanns Aufbruch aus der Heimatstadt Bremen nach Berlin erzählt, hielt Regener nicht für möglich. Oder nur „Herr-der-Ringe-mäßig als Dreiteiler“.

Dass er sich dennoch dazu überreden ließ, die Fernsehrechte zu verkaufen, war kein Fehler. Die schrägen Figuren und der Dialogwitz von „Neue Vahr Süd“ hätten leicht in einer dieser platten Fernsehkomödien mit Achtziger-Jahre-Fundus enden können. Das Drehbuch von Zübert und die Regie von Grimme-Preisträgerin Huntgeburth („Teufelsbraten“) nehmen aber das im Roman wunderbar lakonisch beschriebene Lebensgefühl ausgesprochen ernst.

Statt möglichst viel aus der Romanvorlage zu retten, konzentriert sich der Film auf besondere Typen und Szenen: auf Franks WG, den lässigen Martin Klapp (Eike Weinreich), der ein Loch in die Wand für einen neuen Durchgang haut – und den Schutthaufen liegen lässt. Auf Achim (Robert Gwisdek), das besonders schluffige Exemplar eines Revolutionärs. Oder auf das nicht minder absurde Theater bei der Bundeswehr, von der Wahl des Vertrauensmanns bis zu den Übungen im Fall einer Atomexplosion. Eine entspannte, bisweilen irre komische Zeitreise.

„Neue Vahr Süd“, 20 Uhr 15, ARD

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