Aufklärung : Die Frau für gewisse Fragen

Petting, Pille, Paarprobleme: Eveline von Arx klärt als Dr. Sommer Jugendliche in der "Bravo" auf und nimmt ihnen die Angst vorm "ersten Mal".

Sonja Pohlmann
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Helfer in der Not: Eveline von Arx (2.v.l) und ihre Kollegen vom "Dr. Sommer"-Team. -Foto: promo

Thilo ahnt bereits, dass Petting etwas mit Sex zu tun haben muss. Als sich seine Freunde darüber auf dem Schulhof unterhalten, traut er sich aber nicht zu fragen, was sie damit meinen. Deshalb bittet der 14-Jährige schließlich jemanden um Rat, der es wissen muss: Dr. Sommer von der „Bravo“, seit fast 40 Jahren Chefaufklärer der Nation. Man kann sich unter diesem Dr. Sommer einen vertrauenswürdigen alten Herren mit grauen Haaren vorstellen. Im Grunde ist der „Bravo“-Sex-Experte aber eine Kunstfigur, hinter der sich Eveline von Arx, 32, promovierte Pädagogin aus der Schweiz, verbirgt. Seit 2003 leitet sie das vierköpfige Team. Jetzt gibt sie den Job auf; auch, um sich weiterhin ihrer Arbeit als Dozentin an der Universität Basel zu widmen.

Ihr Nachfolger wird nicht weniger gefragt sein – denn obwohl Rapper im Radio explizit über Sex singen und sich Kinder in Filmen wie „Keinohrhasen“ Gespräche über die Kunst der Fellatio anhören dürfen, werden die Experten weiterhin mit den gleichen Fragen bombardiert, die auch schon vor 20 Jahren gestellt wurden. „Nur weil wir in einer übersexualisierten Gesellschaft leben, sind die Jugendlichen nicht aufgeklärter“, sagt Eveline von Arx. Im Gegenteil. Viele Jugendliche würde die permanente Präsenz des Themas Sex eher verwirren. Der Druck, alle Begriffe und Praktiken zu kennen, sei in den vergangenen Jahren permanent gewachsen.

Jede Woche erreichen um die 400 Briefe und E-Mails das Dr.-Sommer-Team in der Münchner Redaktion, zwischen 3000 und 5000 Briefe sollen es zeitweise gewesen sein. Martin Goldstein, Psychotherapeut und Religionslehrer, hat die Pseudonyme „Dr. Jochen Sommer“ und „Dr. Alexander Korff“ 1969 erfunden und beantwortete die ersten Fragen zu Sex und Liebe. Kein leichter Job. Denn noch 1966 hatte die „Bravo“ vor Selbstbefriedigung gewarnt und Homosexualität als eine Krankheit bewertet. Zu Beginn der 70er-Jahre habe er oft die Frage erhalten, ob Onanie eine Sünde sei, krank oder schwul mache, erzählte Goldstein einmal in einem Interview. Er gab Entwarnung – und wurde dafür gleich selbst verwarnt: Weil er geschrieben hatte, dass Selbstbefriedigung sogar die häufigste Art der sexuellen Befriedigung und nicht schädlich sei, es nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene machen würden, war die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften alarmiert. Sie indizierte 1972 zwei Ausgaben der „Bravo“ und verwies darauf, dass „die Geschlechtsreife allein nicht berechtige, die Geschlechtsorgane in Betrieb zu nehmen“.

Zwar sorgt sich heute kein Jugendlicher mehr, ob er wegen Selbstbefriedigung in der Hölle schmoren muss, aber viele Fragen, die Jugendliche früher beschäftigten, sind noch aktuell. Ist es normal, dass mein Penis krumm ist? Ich will mit meinem Freund schlafen, muss ich jetzt die Pille nehmen? „Gefühle, körperliche Veränderung und Verhütung sind unter den Top drei der Themen, nach denen wir immer wieder gefragt werden“, sagt Dr. Sommer-Chefin von Arx. Mädchen schreiben vor allem Briefe. Beispielweise, wenn sie sich sorgen, dass ihr Freund Schluss macht, wenn sie noch nicht mit ihm schlafen wollen. Jungen würden dagegen eher anrufen, kurze und sachliche Fragen stellen: Kann ein Kondom auch platzen?

„,Bravo’ ist für die sexuelle Aufklärung wichtig, denn von der öffentlichen Seite der Jugendarbeit wird diese Aufgabe immer weniger wahrgenommen“, sagt Reinhard Winter, der sich am Sozialwissenschaftlichen Institut Tübingen (Sowit) mit Sexualaufklärungs- und Geschlechterforschung beschäftigt. Während es im Schulunterricht vor allem um die biologische und körperliche Seite von Sex und Liebe gehe, würden Jugendliche über die Medien versuchen, mehr über Lust und Sinnlichkeit zu erfahren – und das immer früher. Während die „Bravo“ vor rund 20 Jahren noch ab etwa 14 Jahren gelesen wurde, würden heute schon Neunjährige zum Teenie-Magazin greifen, hat Winter festgestellt. Viele ihrer Eltern dürften sich noch dafür geschämt haben, am Kiosk nach der „Bravo“ zu fragen – denn so unbekleidet wie hier präsentierten sich Menschen früher nur im Porno-Magazin, „Bravo“ zu lesen galt als verrucht. Auch heute zählen wohl nicht die Storys über Stars und Sternchen zu den begehrtesten Seiten, sondern der berühmte „Dr.Sommer-Bodycheck“, bei dem jede Woche ein Junge und ein Mädchen komplett nackt vor der Kamera posieren und über ihr Beziehungsleben berichten. Ungefähr 400 Euro bekommen sie dafür. „Jugendliche vergleichen sich auch körperlich gerne, denn sie haben oft Angst, nicht normal zu sein“, erklärt von Arx die Faszination der Rubrik.

Manchmal bekommen sie und ihre Mitarbeiter allerdings auch Briefe, in denen es um mehr geht als Angst und Aufregung vorm „ersten Mal“ und ungleich große Brüste. Leser berichten von Essstörungen und sexuellem Missbrauch. „Die Jugendlichen vertrauen uns ihre größten Sorgen an. Das bedeutet auch, Verantwortung wahrzunehmen, um ihnen so gut wie möglich zu helfen“, sagt von Arx. Solchen Mädchen und Jungen schreibe sie mehrmals, rate ihnen dazu, schnell professionelle Hilfe zu suchen. „Für uns sind diese Briefe ein Zeichen dafür, dass uns die ,Bravo’-Leser vertrauen“, sagt von Arx.

„Bravo“ sucht zurzeit per Stellenanzeige nach einem neuen Dr. Sommer. Dass er oder sie sich mit Petting auskennen sollte, ist selbstverständlich.

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