Medien : Aufstand in der ARD

Wieso Sprecher und Moderatoren von „Tagesschau“/„Tagesthemen“ sich erheben

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Herr Gniffke, jahrzehntelang saßen die Moderatoren und Sprecher von „Tagesthemen“ und „Tagesschau“. Bald stehen sie. Wieso der Aufstand?

Unsere Moderatorinnen und Moderatoren, Sprecherinnen und Sprecher werden die Möglichkeit bekommen, zu stehen. Gleichzeitig bieten wir auch die Möglichkeit, eine sitzende Position einzunehmen, indem wir eine Art Sitz oder Stehhilfe aufstellen. Die muss man sich ungefähr vorstellen wie einen Barhocker. Auf jeden Fall wird es eine etwas aufrechtere Moderationsposition werden. Nach den ersten Proben sagten die Moderatoren, dass sie eine höhere Körperspannung fühlten.

Eine höhere Körperspannung, was mag das wohl sein?

Man beansprucht beim Stehen mehr Muskeln als beim Sitzen.

Musste die „Tagesschau“ für diese Erkenntnis mehr als 50 Jahre alt werden?

Nach acht Jahren mit demselben Design haben wir uns ein paar Gedanken gemacht.

Wird das mehr als nur die Alternative Stehen und Sitzen?

Das ganze Design wird überarbeitet. Aber Sie werden keine Revolution erleben. Der Zuschauer wird weiterhin auf den ersten Blick erkennen, dass er bei „Tagesschau“ oder „Tagesthemen“ ist.

Beim Fernsehen wird doch nichts ohne Marktforschung geändert.

Wenn wir nach dem Zuschauer gegangen wären, hätten wir alles so lassen müssen, wie es ist. Der Erfolg hätte das gerechtfertigt. Aber wir dürfen nicht erst reagieren, wenn die Zahlen zurückgehen. Dann ist es zu spät.

Muss Ulrich Wickert jetzt knien und Anne Will hoch aufs Podest?

Ulrich Wickert wird sich den Hocker ein bisschen tiefer stellen, Frau Will wird ihn sich ein bisschen höher einstellen.

Wann geht es los?

Wir haben noch kein Datum festgesetzt, aber in jedem Fall noch im Laufe dieses Jahres.

Das „heute-journal“ liegt immer noch vor den „Tagesthemen". Wollen Sie das nicht endlich einmal ändern?

Das „heute-journal“ hat mehr Zuschauer als die „Tagesthemen“, seitdem es beide Sendungen gibt, also seit 27 Jahren. Was schlicht und ergreifend damit zu tun hat, dass Menschen abends müde werden und dann irgendwann ins Bett gehen. Wir haben im vergangenen Jahr den Abstand um einen halben Prozentpunkt Marktanteil verkürzen können.

2006 werden die „Tagesthemen“ von 22 Uhr 30 auf 22 Uhr 15 vorrücken. Wird es Änderungen am Konzept geben?

Aber auch für die „Tagesthemen“ gilt, was für alle Produkte von ARD aktuell gilt: Sie sind keine Orte von Revolutionen. Wir werden sukzessive Korrekturen anbringen, mehr nicht.

Sie könnten auf den Kommentar verzichten. Oder wäre das zu revolutionär?

Es wäre eine erhebliche Veränderung. Der Kommentar ist etwas, was unsere Konkurrenten in dieser Form nicht haben. Wir haben gute Journalisten, die mit pointierten Kommentaren die Zuschauer durchaus bei der Stange halten können.

Wann schaltet sich der Zuschauer bei den „Tagesthemen“ aus?

Es hat sich gezeigt, dass die allermeisten Zuschauer, wenn sie denn erst einmal bei uns sind, nicht mehr wegschalten.

Bedeutet ein vorverlegter Starttermin auf 22 Uhr 15 nicht auch ein Risiko?

Ich sehe kein Risiko. Ich sehe eine Chance. Schließlich gehen allein in dieser Viertelstunde, zwischen 22 Uhr 15 und 22 Uhr 30, in Deutschland drei Millionen Menschen schlafen. Und wenn wir nur zehn Prozent dieser Menschen vom Schlafengehen abhalten und für unsere Sendung gewinnen könnten, dann wäre das schon ein Riesenbrocken.

Wie lange bleibt das Unikum der „Tagesschau“-Sprecher noch bestehen?

Wir haben keinen Anlass, unsere Sprecher zur Disposition zu stellen.

Der Vertrag von Ulrich Wickert läuft bis 2006. Was dann?

Darüber mache ich mir Gedanken, wenn es so weit ist.

Tatsächlich, Herr Gniffke?

Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Dafür ist die Zeit noch nicht reif.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

Kai Gniffke , 44,

arbeitet in Hamburg als zweiter Chefredakteur von ARD-aktuell („Tagesschau“ und „Tagesthemen“).

Vom 1. Januar 2006 an ist Gniffke erster Chefredakteur.

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