AUGEN ringe : „Wahnsinn“ oder: Ehrlichkeit pur

Die Olympia-TV-Kolumne: Was die Zuschauer, die Voyeure, wirklich sehen wollen.

von

Kleine Rückblende, ein paar Tage her. Nach den Stürzen in der Damen-Abfahrt fragte ARD-Reporter Wolfgang Nadvornik sinngemäß: Muss man nicht Grenzen setzen? So ein schlimmes Spektakel beenden? Eine bemerkenswerte Heuchelei. Welches Rennen gehört zu den wenigen Abfahrten, die ARD und ZDF noch übertragen? Genau, die berüchtigte Streif. Tja, weshalb bloß? Weil es dort die gefährlichsten Sprünge, die waghalsigsten Aktionen gibt, immer an der Grenze zum spektakulären Sturz, deshalb. Die schlichte Wahrheit ist: Die Zuschauer, Voyeure, die sie sind, wollen das sehen.

Deshalb ist Tobias Barnerssoi ihr Mann. Barnerssoi kommentierte am Sonntag in der ARD Skicross, ganz ohne Heuchelei. Er sah eine Flut spektakulärer Bilder, so gefällt ihm das. Vier Skiläufer rasten gleichzeitig zum Ziel, auf einer engen Piste, mit Steilkurven und Sprüngen. Daron Rahlves und Ted Piccard kollidierten dabei in der Luft und knallten aus ein paar Metern Höhe auf den Rücken. So ist das halt, jeder Läufer kennt das Risiko, die Läufer sind ja „Gladiatoren“, verkündete Barnerssoi. Gleich vier Mal brüllte oder stöhnte er insgesamt bei den Szenen des Rennens begeistert „Wahnsinn“. Am Montag, bei der Zusammenfassung, war’s dann „Wahnsinn auf Ski“, und überhaupt war alles „Adrenalin pur“. Fachmännisch konstatierte er auch: „Rahlves wurde abgeschossen.“ Der Rahlves, der auf den Rücken geknallt ist. So kommentiert man auch Autoscooterfahren auf dem Jahrmarkt. Und damit der Adrenalinspiegel nicht zu früh sinkt, wurde der Sturz zweimal wiederholt, einmal davon in Zeitlupe. Im Sinne der Quote war das nur konsequent; Barnerssoi gab ja vielen Zuschauern eine Stimme, als er schrie: „So viel Action wie hier gab es bei allen alpinen Rennen zusammen nicht.“ Da kann Wolfgang Nadvornik mit seinen paar Stürzen glatt einpacken. Frank Bachner

0 Kommentare

Neuester Kommentar