Medien : Augenblicke der Aufklärung

„Wissen vor 8“: Ranga Yogeshwar erklärt das Phänomen kalter Frauenfüße

Simone Schellhammer

Kürzer geht’s kaum. Zwei Minuten und 15 Sekunden dauert die Wissenssendung, die Ranga Yogeshwar von heute an immer dienstags bis freitags im Ersten moderiert. Die WDR-Fachkraft in Sachen Wissenschaftsfernsehen spricht angesichts dieser äußerst komprimierten Form von „Medien-Kernspaltung“ und „dem Augenblick der Aufklärung“, den er mit „Wissen vor 8“ um 19 Uhr 45 aufblitzen lassen möchte. Es geht um Alltagsfragen: Warum fliegen Motten ins Licht? Wieso haben Frauen so oft kalte Füße? Und wie entstehen Kurse an der Börse? Letzteres steht in schönem Kontrast zu der journalistisch fragwürdigen Kurzshow „Börse im Ersten“, die danach um 19 Uhr 55 läuft und meist wenig zur Auf- oder Erklärung von wirtschaftlichen Zusammenhängen beiträgt.

Yogeshwar, der sich freut, mit der Sendezeit „ein Filetstück des deutschen Fernsehens“ ergattert zu haben, präsentiert sich in einer alten Solinger Fabrikhalle mit aufwendig produzierten Clips. Animierte Landschaften, Tabellen, die in der Luft schweben, und nachgespielte Szenen sorgen für faszinierenden Kurzweil. Anders als mit starken visuellen Effekten könnte sich das Format innerhalb des „Werbeschwachsinns, der im Umfeld läuft“, auch kaum durchsetzen. Wenn es etwa um die Funktionsweise eines Airbags geht, dann darf die Wassermelone beim Aufprall ruhig blutig-rot herumspritzen. Ist das nun Infotainment auf die Spitze getrieben? „Beim Infotainment ist es immer eine Frage, wie herum man es betrachtet“, sagt Yogeshwar und erzählt den Witz, in dem ein Mann zum Rabbi kommt und fragt: „Darf ich beim Beten rauchen?“ Die Antwort: „Nein.“ Als ein anderer am nächsten Tag fragt: „Darf ich beim Rauchen beten?“ lautet die Antwort „Ja.“ In diesem Sinne wird bei „Wissen vor 8“ viel geraucht und kurz, aber knackig gebetet.

Letztlich gebe es nur gute oder schlechte Wissensvermittlung, findet der Diplomphysiker. „Im Fernsehen geht es dabei um die Frage: Schafft man es, mit Inhalten zu punkten? Wie kann man alle Register ziehen, um einen kleinen Zusammenhang, ein Phänomen darzustellen?“ Vier Jahre ist er mit der Idee hausieren gegangen und hat mit der WDR-Tochter Mediagroup, die Werbezeiten im Vorabendprogramm verkauft und auch Sendungen produzieren lässt, schließlich einen Unterstützer gefunden. 25 Filme sind bereits fertig, für weitere 100 bis 120 gibt es eine Option. Produziert wird mit einem kleinen Team, das auch zum Teil für „W wie Wissen“ arbeitet. Die Drehbücher schreibt Yogeshwar selbst. Seine Wissenschaftssendung „Quarks & Co.“, die der WDR 1993 für ihn entwickelte, moderiert er trotz des neuen Formats weiter, ebenso „Die große Show der Naturwunder“, die er mit Frank Elstner präsentiert. Dagegen hatte er „W wie Wissen“ zum Jahresende 2007 abgegeben.

Seit über 20 Jahren ist der Sohn eines indischen Ingenieurs und einer luxemburgischen Künstlerin schon im Medium unterwegs. Wie kein anderer steht Yogeshwar für den Wandel vom Schulfernsehen zur Wissensshow. Dabei rückt er seine eigene Person gerne einmal in den Mittelpunkt oder übernimmt gewagte Experimente wie etwa im Mai 2006, als er für eine Folge der Sendung „Die große Show der Naturwunder“ mit dem sogenannten „Gekkomaten“ wie ein Reptil senkrecht die spiegelglatte Fassade des Düsseldorfer Stadttors hinaufkletterte. Für solche Selbstversuche bleibt bei „Wissen vor 8“ zwar keine Zeit, dennoch sei der Rechercheaufwand vergleichbar mit dem für einen längeren Magazinbeitrag. „Offen gesagt habe ich anfangs die Komplexität dieses sehr kurzen Formats unterschätzt“, meint er. Man müsse sich noch konsequenter für einen inhaltlichen Aspekt entscheiden und diesen herausarbeiten.

Yogeshwar hofft, dass der Zuschauer nach ein- bis zweimal Einschalten angefixt ist von dieser homöopathischen Wissenschaftsdosis und „Wissen vor 8“ vielleicht bald zur Routine erhebt wie die „Tagesschau“. In der Tat könnte das kleine, hübsche Infobonbon zum Renommee der ARD beitragen und zeigen, dass die Öffentlich-Rechtlichen zur Vorabendzeit noch anderes, Besseres im Sinne haben als Stylingshows und Soapserien. Die Reihe habe „großes Potenzial, ein Aushängeschild zu werden“, findet die Redaktion. Und Ranga Yogeshwars berühmte Samtjackets in Grün, Blau und Lila sehen auch im Internet und auf dem Handy gut aus.

„Wissen vor 8“, ARD, 19 Uhr 45

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