Augenringe : Curling-Reporter: Mit Yoga-Weisheiten und Zynismus

Den wichtigsten Job beim Curling machen die TV-Reporter - allerdings bewegen sie sich dabei auf dünnem Eis.

Lucas Vogelsang
Schrubben, was das Zeug hält: Das norwegische Curling-Team kämpft in Sotschi um die Medaillen.
Schrubben, was das Zeug hält: Das norwegische Curling-Team kämpft in Sotschi um die Medaillen.Foto: AFP

Curling geht immer. Curling ist wie Testbild. Curling ist der Bob Ross unter den Wintersportarten. Man schaut einfach, und irgendwann schaut man sich rein. Und nach drei Stunden Curling am sehr frühen Morgen sagt man dann tatsächlich Dinge wie: Natürlich hatten sie den Corner Stone und die doppelte Deckung vor dem Haus, aber das war eben auch ein verdammt guter Double Take Out im zehnten End. Aber, klar, das Eis hat auch ganz anders gecurlt. Dieses angebliche Schach auf dem Eis, ist was für Liebhaber. Wie Briefmarken. Oder die FDP.

Die Hälfte des Publikums dämmert weg

Den wichtigsten Job beim Curling macht deshalb der TV-Reporter. Zum einen muss er für die Spannung sorgen, die auf dem Eis die meiste Zeit gar nicht erst entstehen will. Zum anderen darf er sich nicht entblöden, dieses Spiel ständig von Neuem zu erklären, weil er, immerhin wird hier um sieben Uhr deutscher Zeit gecurlt, davon ausgehen muss, dass die Hälfte des Publikums schon wieder weggedämmert ist und durch jene Zuschauer ersetzt wurde, die in Frühstücksfernsehlaune zugeschaltet haben und nun enttäuscht sind, dass sie bei Dunja Hayali keine Kaffeetasse gewinnen können.

Ignoranz für die Feinheiten des Spiels

In diesem Spannungsfeld entstehen Sätze für die Ewigkeit. Irgendwo zwischen verunglückten Yoga-Weisheiten („Nun muss er den Weg zur Mitte blockieren“), Beobachtungen in einem FreibadKiosk im Hochsommer („Das Eis läuft schneller als gedacht“) oder purem Zynismus im Angesicht der Ignoranz für die Feinheiten des Spiels („Das meist unkundige Publikum jubiliert“) Ansonsten folgt er stoisch der Spur der Steine. Einsam in der Entschleunigung.

Curling in seiner epischen Breite wäre deshalb der ideale Einsatzort für den gerade wieder zur Mode werdenden Co-Kommentator. Hier würde sich Steffen Simon anbieten. Der hat zwar keine Ahnung von Curling, aber er darf ja in der ARD auch Fußballspiele kommentieren. Dort bewegt er sich seit Jahren auf sehr dünnem Eis. Wäre also bestens vorbereitet. Und viel falsch machen könnte er ohnehin nicht. Denn: Curling geht immer. Lucas Vogelsang

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