AUGENringe : Emotionaler Swingerklub

Olympia in den Medien: Die tägliche Kolumne zu den Spielen. Heute zu der Frage: Was will der Zuschauer?

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Patrick Hausding ist Wasserspringer. Das war er auch schon 2008, als er in Peking im Synchronspringen die Silbermedaille gewann. Er hat wieder vier lange Jahre trainiert, um in London für wenige Augenblicke in den Fokus der Aufmerksamkeit zu geraten. Hausding hat einen inneren Kompass wie Robert Harting, Diskurswerfer, Welt- und Europameister, besser bekannt als Hemdchenzerreißer aus Berlin. Harting soll, muss Gold gewinnen. Hochspringerin Ariane Friedrich hatte die A-Norm bei der Olympia-Qualifikation nicht geschafft. Sie durfte trotzdem nach London. Das klingt so ungerecht wie interessant.

Wer versteht etwas von Wasserspringen, Diskuswerfen und Hochsprung. Bei Olympia schauen die Fernsehzuschauer Sportlern bei Professionen zu, für die sie sich abseits von Olympia nicht einen Deut interessieren. Hausding schraubt sich ins Wasser, Harting wirft die Scheibe, Friedrich quert die Latte. Ihretwegen. Bei Olympia unseretwegen.

London 2012 tut einem Zuschauer gut. Er erlebt Helden. Menschen, die gegen den Strom schwimmen. Die tun, was andere nicht für möglich halten, dass sie es mit Einsatz und Siegeswillen tun. Aber deren Heldentaten sind nicht so fern, dass sie nicht begreifbar, erlebbar, übertragbar wären. Das Publikum bekommt seinen Kick, sobald die Sportler ihren Kick bekommen. Die Zuschauer übernehmen deren Begeisterung, sie leihen sich Freude und Frust aus. Olympia ist für sie ein emotionaler Swingerklub.

Es ist anders nicht zu haben. Wer will schon selbst Schmerz empfinden, wer sich quälen für eine Leistung wie Wasserspringen, Diskuswerfen, Hochsprung. Zuschauer sind keine Helden, sie gehören zum postheroischen Zeitalter. Das macht sie froh und friedlich. Und austrainiert sind sie auch – im Zuschauen fremder Heldentaten. Joachim Huber

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