AUGENringe : Haben Sie das schon realisiert?

Immer stellen Reporter und Moderatoren nach dem Sieg zuerst die gleiche Frage - die Medien-Kolume zu Olympia.

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Julius Brink und Jonas Reckermann reißen die Arme hoch, hüpfen jubelnd durch den Sand, umarmen sich, posen vor einer Deutschlandfahne. Das ist der Moment, in dem der Reporter prompt und gegen allen Augenschein verkündet: „Sie werden es noch gar nicht richtig realisiert haben, dass sie jetzt Olympiasieger sind.“ Doch, haben sie. Sonst würden sie ja nicht diese Freudentänze aufführen.

Kommt es spontan, oder wurde es ihnen in einem Moderationsseminar befohlen? Immer fragen die Reporter und Moderatoren nach dem Sieg zuerst: „Können Sie das überhaupt schon realisieren?“ Leider antworten die Athleten meist brav, sicher werde es noch dauern. Warum antwortet nicht einer: „Na, klar, darum freue ich mich ja so riesig“?

Nein, das würde als Zeugnis zu geringer Demut wahrgenommen. Auch sagt keiner, dass es vor allem die langfristigen Folgen sind, die er noch nicht überblicken könne. Die Größe eines Gefühls wird unterstrichen durch den öffentlichen Zweifel darüber, ob das Ereignis, das es auslöste, tatsächlich stattgefunden hat. Wie im Traum war es oder wie im Film. „Dann schauen wir uns doch die letzten Sekunden noch einmal an“, fordert der Moderator auf. Jetzt erst ist der Sieg beglaubigt. Sicherheit gibt die Wiederholung. Dem Gefühl ist nicht zu trauen, schon gar nicht ist es in Worte zu fassen. Das Erlebte bedeutet nichts gegenüber dem Gezeigten. Wahr ist, was das Fernsehen als solches zertifiziert hat.

Das ist die Macht der Medien.

Diese reflexhafte Frage, ob der Sieger den Sieg überhaupt schon realisiert habe, mag eine unbedachte Phrase sein, immer aber bekräftigt sie die Autorität des Fernsehens. Denn selbst für Sieger gilt: Ich bin, weil ich gezeigt werde. Auch darum wird rund um die Uhr Olympia übertragen. Haben Sie das überhaupt schon realisiert? Bernd Gäbler

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