Aus aller Welt : Ausgeschwärmt

Vom Nordkap bis nach Acapulco – Reisereportagen gegen Fernweh in der Winterzeit

Thomas Gehringer

Deutsche im Ausland, das ist ja nicht immer ein Vergnügen. Aber einem Reisenden haben sie an weit entfernten Orten Denkmäler gebaut, haben Hunderte von Schulen, Universitäten, Straßen, Nationalparks, Schiffe, eine Meeresströmung, Restaurants und sogar Imbissbuden nach ihm benannt. Denn Alexander von Humboldt, der zwischen 1799 und 1804 durch Lateinamerika gereist war, Blumen gepresst, Berge vermessen und Landschaften gezeichnet hatte, machte die dortigen Lebensumstände von Tieren und Menschen weltweit bekannt. Er verurteilte die Sklaverei und nannte den kulturellen Eroberungszug der Missionare eine „Schande des Jahrhunderts“.

Gut 200 Jahre später haben die ARD-Korrespondenten Thomas Aders und Stefan Schaaf für den Zweiteiler „Expedition Humboldt“ (25. und 26. Dezember, jeweils 19 Uhr 15) Humboldts damals sehr, heute nicht mehr ganz so abenteuerliche Entdeckungsreise nachvollzogen. Der Film ist eine gelungene Mischung aus Bildungsreise, Abenteuertour und Sozialreportage, noch dazu über das im Fernsehen eher zu kurz kommende Berichtsgebiet Lateinamerika. Auch wird dankenswerterweise auf Spielszenen und einen Schauspieler in Alexander-von-Humboldt-Kostüm verzichtet. Man darf deshalb den vom SWR produzierten Zweiteiler getrost als das Königsstück unter den Reisereportagen der Weihnachtszeit bezeichnen.

Das ganze Jahr über sind ausgewählte öffentlich-rechtliche Korrespondenten ausgeschwärmt, um das Fernweh unterm Weihnachtsbaum zu befriedigen. Aders und Schaaf zeigen beispielsweise in ihrer Reportage, dass der Berliner Universalgelehrte Humboldt zwischen Venezuela und Mexiko allgegenwärtig ist. Überall leuchtende Augen, Verehrung und schwärmerische Dankbarkeit bei einfachen Indio-Bauern, die Alexander von Humboldts Einsatz für die unterdrückten Ureinwohner loben, ebenso wie bei Wissenschaftlern. Wenn in Acapulco die Urururnichte Gabriele von Humboldt zu Besuch kommt, ist sie Stargast beim jährlichen Humboldt-Straßenfest. „Ihn umgibt eine Aura des Guten“, sagen Aders und Schaaf, die ihre eigene Bewunderung, so scheint es, manchmal selbst nur schwer zügeln können. Das ist in Ordnung, die Begeisterung wirkt ansteckend.

Denn zum einen ist ja die schier unendliche Ausdauer und Schaffenskraft Humboldts und seines französischen Begleiters Aimé Bonpland wirklich mehr als erstaunlich. Zum anderen bleiben Aders und Schaaf nicht bei haltloser Lobpreisung: Neben der außergewöhnlichen Schönheit der Landschaften, von der Flussfahrt auf dem Orinoco bis zur Besteigung des Vulkans Chimborazo, erkunden sie, wie es sich heute für die Indios und die Nachfahren der aus Afrika herübergeschafften Sklaven lebt.

Eingeläutet wird die Hochsaison der Reisereportagen aber mit „Unterwegs zum Nordkap“ (ZDF, 21. und 28. Dezember, jeweils 19 Uhr 25). Die für Skandinavien zuständige Korrespondentin Ines Trams begegnet in der frostigen, aber ausgesprochen malerischen Landschaft des hohen Nordens schweigsamen Finnen und gelassenen Sami, den Ureinwohnern in Lappland. Sie fährt auf dem Eisbrecher Sisu, der trotz Klimawandel noch reichlich zu tun hat, über den Bottnischen Meerbusen und besucht in Rovaniemi am Polarkreis den angeblich echten Weihnachtsmann.

Eigentlich anzunehmen, dass Gerd Ruge den auch schon mal interviewt hat, aber in diesem Jahr hat der rüstige Reporterrentner für „Gerd Ruge unterwegs“ (ARD, 22. Dezember, 21 Uhr 45) die Gegend 100 Kilometer rund um Moskau unsicher gemacht. Niemand kennt Russland so gut wie der seit 16 Jahren pensionierte Ex-Korrespondent, und seine beiläufige Art, Arbeitern, Funktionären und durchgeknallten Millionären gleichermaßen auf den Pelz zu rücken, ist immer noch sympathisch. Doch hat man das, was er uns diesmal erzählen will, nicht alles schon mehrfach gesehen? Im Zweifel von ihm selbst? Ein weiteres „Unterwegs“-Stück sei derzeit nicht geplant, heißt es beim WDR. Vielleicht setzt sich ja beim Kölner Sender langsam die Erkenntnis durch, dass man 81-jährige Reporter-Dinos nicht mehr vor die Tür schicken sollte, nicht einmal wenn sie Gerd Ruge heißen und Publikumslieblinge sind.

Was als Reiseziel natürlich auch nicht fehlen darf: China! Die ARD hat sich zu diesem Zweck an der internationalen Produktion „Die Große Mauer“ (29. Dezember, 22 Uhr 45 und 30. Dezember, 21 Uhr 45) beteiligt. Ein beeindruckendes Bauwerk, aber kein beeindruckender Film. Die vielen Schlachtenszenen zumal im ersten Teil sind ermüdend, die deutsch synchronisierten Dialoge läppisch und die historischen Ereignisse werden fernsehgerecht zu einer simplen fiktionalen Erzählung verdichtet: Wie Qi Jiguang vom einfachen Soldaten zum General wurde und China mit seiner Befestigungsidee vor den Mongolen rettete. Außerdem lernen wir, dass kichernde Konkubinen beim Kaiser ein und ausgingen.

Dann doch lieber gleich exzessiv Reisen. Das geht nur bei Phoenix, wo ab dem 22. Dezember dank des gut gefüllten Doku-Archivs von ARD und ZDF ein Thementag über Attraktionen in fernen Ländern den anderen jagt. Den Auftakt des Sonderprogramms macht allerdings „Berlin, Berlin – Geschichte einer Weltstadt“ (21. Dezember, ab 9 Uhr). Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?

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