Aus dem Archiv ins Museum : Simulanten-Fernsehen

Ob „Disco“ oder „Dalli Dalli“, das neue Programm ZDFkultur zeigt TV-Klassiker nur mit Retro-Rahmen. Das bringt Kritik.

von
Echt nur mit Rand? Bernhard Brink in der Musikshow „Disco“, wie sie ZDFkultur wiederholt. Screenshot: Tsp
Echt nur mit Rand? Bernhard Brink in der Musikshow „Disco“, wie sie ZDFkultur wiederholt. Screenshot: Tsp

Man muss sich Daniel Fiedler als glücklichen Menschen vorstellen. Fiedler ist Koordinator für den Digitalsender ZDFkultur, der am vergangenen Samstag gestartet ist. „Wir haben aus dem Stand heraus unglaubliche Reaktionen“, sagte er in einem dpa-Interview. Die Facebook-Seite quille über, der Sender würde überhäuft mit Lob, mit Kritik, mit Anregungen. Fiedler sagt, „der Dialog, der uns so wichtig war, er läuft“. Wie viele Menschen tatsächlich auf ZDFkultur abfahren, das sagt Fiedler nicht, der Tendenz nach habe das Programm mehr und jüngere Zuschauer als sein Vorgänger, der ZDFTheaterkanal. Dessen Marktanteil war mit 0,1 Prozent gerade noch so messbar.

Fiedler und seine Truppe können von sich behaupten, dass sie im Kampf der Dutzenden Digitalsender um Aufmerksamkeit beim Publikum allerhand erreicht haben. „Make some noise“, so programmatisch wie der Start mit den „Beastie Boys“ gemeint war, so war die Woche. Jede Reaktion ist willkommen, die positive wie die negative. Protest nach Konzept, das werden jedoch nicht einmal die Mitarbeiter von ZDFkultur hinbekommen.

Der schärfste Gegenwind bläst aus der Retro-Ecke, die der Kanal werktags zwischen 13 und 15 Uhr 30 eingerichtet hat. Dort, bei „ZDFkult“, werden Höhepunkte der ZDF-Fernsehgeschichte aus den Mainzer Archiven gehoben, darunter Serien wie „Der Bastian“, Spielshows à la „Dalli Dalli“; „Disco“ gehört zu den aufgerufenen Musikreihen.

Die Klassiker bekommen bei der Ausstrahlung in ZDFkultur einen schwarzgrünen Rahmen. Das ist, erstens, eine Überraschung, zweitens eine Irritation und drittens Konzept. Fiedler erklärt: „Der Rahmen visualisiert die Sehgewohnheiten der 80er.“ Alte Serien in 4:3 auf dem Plasmaschirm zu gucken, das sei unnatürlich. „So sahen sie nämlich nie aus. Der Rahmen bringt uns die Optik des guten, alten Röhrenfernsehens zurück – so sah man ,Dalli Dalli’ eben früher.“

Die Fernsehwelt, wie sie Daniel Fiedler sieht, wird beileibe nicht von allen so gesehen. Auf Plattformen wie TVForen.de überwiegt die Kritik. Sinn, Zweck und Notwendigkeit werden stark angezweifelt. Über allem schwebt die Frage, ob die gewollte Bildmaskierung die heutigen Sehgewohnheiten nicht konterkariert. Zudem wird bei all der Klasse des Materials dessen musealer Effekt betont, warum eigentlich? Die Betrachtungswirklichkeit von damals lässt sich nicht simulieren. Der gesetzte Grafikrahmen hat den Charakter einer Zwangsmaßnahme, einer Überwältigung.

Bei Arte zum Beispiel, gleichfalls eine kulturbildende Fernsehmaßnahme, liefen und laufen die Folgen der hinreißenden Agentenserie „Mit Schirm, Charme und Melone“ aus den 60er Jahren ohne Zwangsrand. Es ist nicht bekannt geworden, dass sich verzweifelte Zuschauer Passepartouts an den Plasmafernseher geklebt haben oder halten, damit sie das Swinging-Sixty-Feeling auch porentief erleben können.

Bei ZDFkultur wird an eine Überarbeitung nicht gedacht, es wird aufs Gesamtdesignkonzept verwiesen. Daniel Fiedler sagt sehr selbstbewusst: „Wir haben keinen Knall, sondern sind hier ganz traditionsbewusst. Ein Fernsehexperiment mit dem Blick zurück.“ Vielleicht ist alles nur ein Marketinggag oder der sehr schlichten Tatsache geschuldet, dass Fiedler, aber auch bedeutende ZDFkultur-Moderatoren wie Rainer Maria Illig oder Tex Drieschner sich ihre Gesichter von jenen so trendigen Schwarz-Block-Brillen rahmen lassen. Mit ZDFkultur sieht man anders, will man anders gesehen werden. Randständig eben, gerne auch mit Kassengestell. Joachim Huber

Am heutigen Montag wiederholt ZDFkultur von 12 Uhr 45 an Folgen von „Der Bastian“, am Dienstag um 13 Uhr die allererste Ausgabe der Show „Dalli Dalli“ von 1971.

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben