Medien : Aus dem Tritt

Wenn die Harald-Schmidt-Show nur wieder so sinnentleert wäre wie früher

Axel Vornbäumen

Spiel mal bitte Brahms, sagt Harald Schmidt – ja, und dann ertönt auch schon die Musik. Und die eingeblendete Weltkarte mit den „Flecken der Erde“, die demnächst wohl „zugebrahmst werden“, mit Burma und Iran, Weißrussland, Kuba, Nordkorea und Simbabwe, mit jenen „Vorposten der Tyrannei“ also, wie sie die designierte US-Außenministerin Condoleezza Rice genannt hat, sie wirkt tatsächlich nicht mehr ganz so kalt, oder? Ja, Brahms ist super. Besser als Wagner. Viel besser. Die richtige Musik für das gerade so hoffnungsvoll anlaufende „Jahr der Entschlossenheit“, komponiert nach der Formel „Leidenschaft ohne Sentimentalität“. Denn wenn man an der richtigen Stelle Sentimentalität von Leidenschaft abzieht, ist man schon mittenmang im Zynismus, ist man im Weißen Haus, ist man bei Harald Schmidt. Ist man mit Harald Schmidt im Weißen Haus.

Gut, dass er wieder da ist.

„Zugebrahmst“ – schon allein dafür lohnt das Wachbleiben. Es kommt ja sonst niemand auf so was. Oder auf: „einweltig“, dafür geben wir gern zwei UEFA-Cup-Achtelfinalpartien.

Der Mittwoch hat nun wieder einen Sinn. Und der Donnerstag auch. Das ist schon was. Und wenn nun auch die Bundesliga wieder so richtig losgeht, dann sind drei von vier Tagen in der Woche wieder ein bisschen lebenswerter geworden, unterhaltungsmäßig gesehen. Aber vielleicht ist das zu wolkenkuckucksheimelig in die Neuzeit geblickt, zu, ja, irgendwie zu undeutsch. Das wollen wir nicht, wollen es nicht riskieren, auch, damit der Meister nicht aus dem Tritt gerät, bevor er ihn so richtig gefasst hat. Wie hat er uns vor kurzem doch anvertraut? „Meine große Angst ist, dass man in diesem Land plötzlich entspannt und aus tiefstem Herzen gut gelaunt wird. Wir brauchen das Unfreundliche, wir brauchen die schlechte Laune, wir brauchen die Ausraster, wenn uns jemand den Parkplatz wegnimmt. Auf dieser Basis entstand bei uns Weltliteratur.“ Will sagen: Auf dieser Basis entsteht Schmidt.

Gut denn, und leider: Der Auftakt war größtenteils Mist. Die Band zu leise, das Publikum zu bedächtig, Andrack zu nervös, das Studio zu eng, die Sache mit dem Huhn zu albern, und die Solidarität mit der britischen Armee angesichts der neuen Folterfotos aus Irak war peinlich. Wohlgemerkt: Peinlich im Sinne von platt, nicht im Sinne von politisch unkorrekt oder zynisch, was noch zu ertragen gewesen wäre, bei Schmidt, nur bei ihm. Ja, und die Werbepausen fehlen, als Rettungsanker, als Korrektiv, als Stilelement. Ach, könnte es nicht bisweilen so abgefuckt zugehen wie früher? So sinnentleert? Man hätte nicht gedacht, dass einem mal die Naivität eines Helmut Zerlett so fehlen könnte, die Playmobilmännchen oder Suzana mit ihren Stichworttafeln. Wir wissen doch nun, dass alles relativ ist: Könnte die Sendung nicht wieder länger werden, damit sie uns kurzweiliger erscheint?

Und Schmidt selbst? Nun ja. Es gibt keinen besseren, stimmt schon, der Rest ist zweite Liga, da nistet einer immer noch einsam in der „Premium-Nische“ der Ironie. Doch wir beginnen zu ahnen: Da hatte einer die „Kreativpause“ nötig, um seinen Akku halbwegs aufzuladen – schon weniger, um sich neu zu erfinden.

Reicht die Dosis schlechte Laune ? „Ich muss Stürme aushalten“, sagt Schmidt, „denn die Heiligsprechung habe ich hinter mir“.

Na, na. Ein wenig Kotau muss schon noch sein. Kachelmann, der Wetterfrosch, kam in Schwarzweiß, aus Kostengründen. Einweltiger geht’s nicht mehr.

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