Medien : Aus dick wird gut

Dieter Pfaff wandelt sich vom Nobeladvokaten zum Anwalt der kleinen Leute

Barbara Sichtermann

„Ich verspreche Ihnen, ich hole Sie da wieder raus", sagt der Gutmensch zum Gestrauchelten, und so einen Satz hören wir alle gern. Aber wo gibt es noch die Menschenfreunde, die ihre Professionalität nicht möglichst teuer verkaufen, also potenziell bestechlich sind? Nicht unbedingt im strafrechtlichen, aber im humanen Sinn. Wer heute was werden will, hält sich nicht groß mit der Brüderlichkeit auf. Er nutzt seine Freiheit, um zu beweisen, dass Gleichheit eine Chimäre ist. Es sei denn, er heißt Gregor Ehrenberg, ist ein Hamburger Nobelanwalt mit Selbstekel-Attacken und wird von Dieter Pfaff gespielt.

Er habe keine Lust mehr, bekennt Ehrenberg, seine Träume zu ignorieren. Die hatte er als junger Mann, und sie galten dem hehren Ideal der Gerechtigkeit. Dass auch die Armen und Beladenen einen Anwalt haben sollten, der für sie kämpft, mit diesem Ziel trat der Jungjurist einst an. Sein Erfolg katapultierte ihn indessen ganz nach oben, er verhalf nunmehr gestrauchelten Wirtschaftsbossen zur Straffreiheit bei zweifelhaften Praktiken. Er wurde zum Komplizen der Mächtigen. Doch seine Träume blieben virulent und begannen schließlich, ihn zur Verwirklichung zu drängen. Eines Tages schmeißt er hin, verabschiedet sich vom Leben im goldenen Käfig und fängt woanders neu an: als Anwalt der Armen in Altona. In diesem Moment beginnt die Serie.

Wir sehen Ehrenberg auf der Suche nach einer Sekretärin, bei der Einrichtung der neuen Kanzlei, die vordem eine Weinhandlung war, und bei seinen ersten Fällen im Milieu der kleinen Leute: Ein Hauswirt tut nichts, um die feuchten Wände zu sanieren, ein Ex-Knacki darf seinen Sohn nicht sehen. Die resche junge Türkin Jasmin, bei der Ehrenberg ein wenig unbeholfen die Anzeige wegen der Sekretärin aufgegeben hat, schnappt sich die Stelle selbst und befördert sich auch gleich zu des Anwalts Assistentin. Sie setzt eine (unzulässige) Werbekampagne in Gang und lotst Loser mit Rechtsproblemen in die Kanzlei. Ehrenberg geht das alles ein bisschen zu fix und es ist ihm zu unseriös (Er: „Aber das ist illegal!“ Sie: „Das ist ja der Spaß daran“), doch er hat wenigstens gleich ordentlich zu tun und Gelegenheit, die Treue zu seinem Alt-Ideal zu beweisen. Des unglücklichen Ex-Knacki Verurteilung hatte er einst mitzuverantworten; jetzt kommt raus, dass der Mann unschuldig war und Ehrenberg, der natürlich die Kontakte aus seiner Nobel-Zeit zu nutzen weiß, kann endlich für das Gute kämpfen und den Mann "da rausholen".

Dieter Pfaff ist als Anwalt mit Helfersyndrom ganz in seinem Element und sehr sympathisch; seine oft bewunderte Sensibilität hat gute Gelegenheiten, in energische Kampfeslust umzuschlagen. Seine bislang beste Rolle, der „Sperling“, ist hier ganz nah. Partnerin Burcu Dal als Jasmin steuert mit Chuzpe und Coolness den für den Geschäftserfolg nötigen Pragmatismus bei.

Diesem Team, in dem sich eine Vater-Tochter-Beziehung ebenso wie ein Unter- und Oberschicht-Kontrast einbauen lässt, traut man die 13 Folgen, die bis jetzt fertig sind, locker zu. Ob es Pfaff gelingen wird, die Figur des Ehrenberg von der populistischen Konstruktion, als die sie vorab noch dasteht, zu einer populären Heldengestalt auszumodellieren, die wunderbar in unsere Zeit mit ihrer bedrohlichen Perspektive einer Zweidrittelgesellschaft passen könnte – davon wird es abhängen, ob „Der Dicke“ Zukunft hat.

„Der Dicke“, ARD, 20 Uhr 15

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