Medien : Aus für die "Hitparade": Ein Nachruf

Christian Schröder

Das Beste an der "Hitparade" war lange Zeit der Abspann. "Meine Damen und Herren", stammelte eine sonore Bassstimme, "das war live aus Studio B in Berlin-Tempelhof die Hitparade in Ihrem Zett Deh Eff", und dann folgten, unterlegt von nervöser Easy Listening-Musik, etwa achtzig Namen in knapp zwanzig Sekunden, wobei es dem Bass immer wieder gelang, sogar den Zungenbrecher "Szenenbild: Joachim Czerczenga" fehlerfrei herunterzuhaspeln.

Der Bass gehörte Dieter Thomas Heck, einem Mann, dem man durchaus glaubte, dass er früher einmal Autos verkauft hatte. Er sprach so schnell, weil er etwas zu sagen hatte, und zwar möglichst viel in knapper Zeit. Die Hitparade war nicht einfach eine Schlagersendung, sie war eine ideologische Bastion. Ausgerechnet im Willy-Brandt-Jahr 1969 gegründet, stemmte sie sich dem Zeitgeist der Achtundsechziger-Bewegung entgegen. Während ringsum von Revolution und freier Liebe die Rede war, noch dazu oft auf Englisch, sangen ordentlich gekämmte "Interpreten" (Heck) hier weiter "Hab Sonne im Herzen" oder "Du kannst nicht immer 17 sein" und schritten dazu die Reihen der gehorsam mitklatschenden Zuschauer ab.

Im Grunde genommen war die Hitparade schon tot, als Heck, ihr Gründungsvater, sie 1984 verließ. Unter seinen Nachfolgern Victor Worms und Uwe Hübner änderte sich laufend das Reglement, plötzlich traten auch Rockbands auf und englischsprachige Sänger. Die Sendung verlor ihre Ununterscheidbarkeit, sie war kein Markenzeichen mehr. Eine Zeit lang schien es, als könnten die Hossa-Aktivisten des Neuen Deutschen Schlagers die Hitparade wiederbeleben. Doch Guildo Horn und Dieter Thomas Kuhn tanzten nur einen Sommer. Jetzt wird die Hitparade eingestellt. Wir trauern mit Roger Whittaker: "Abschied ist ein scharfes Schwert".

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