Aus für "FTD" : Kahlschlag am Baumwall

Schwarzer Freitag in Hamburg: Der Verlag Gruner + Jahr gibt das Aus der "FTD" bekannt. 364 Mitarbeiter der G+J-Wirtschaftsmedien verlieren ihren Job. Das neue Vorstandsmitglied Julia Jäkel trifft damit eine lange gefürchtete Entscheidung.

von
„Ein bedeutendes Kapitel deutscher Publizistik geht zu Ende“, sagte Gruner + Jahr-Vorstand Julia Jäkel und verkündete das Aus für die „Financial Times Deutschland“. Foto: dpa
„Ein bedeutendes Kapitel deutscher Publizistik geht zu Ende“, sagte Gruner + Jahr-Vorstand Julia Jäkel und verkündete das Aus für...Foto: dpa

Um elf Uhr morgens treten Julia Jäkel, Torsten-Jörn Klein und Achim Twardy, die drei Vorstände des Verlags Gruner + Jahr, vor die versammelte Belegschaft der Wirtschaftsmedien im Auditorium am Hamburger Baumwall. Die Mitarbeiter tragen bereits Trauerschleifen am Revers, in Lachsrosa, der Farbe der „Financial Times Deutschland“ (FTD). Jäkel überbringt die Botschaft: Die „FTD“ wird am 7. Dezember eingestellt. Insgesamt müssten 364 Mitarbeiter gehen – ein radikaler Kahlschlag in der deutschen Presselandschaft. Oder wie es Jäkel am Freitag formuliert: „Es geht ein bedeutendes Kapitel deutscher Publizistik zu Ende.“

Seit ihrer Gründung im Jahr 2000 schreibe die „FTD“ Verluste. „Vor diesem Hintergrund sehen wir keinen Weg, die ,Financial Times Deutschland‘ weiter zu betreiben“, sagt Jäkel, die erst im September in den Vorstand aufgerückt ist, um das Deutschland-Geschäft des Verlags zu leiten. Ihre Vorgänger Bernd Buchholz und Bernd Kundrun wollten die Einstellung der Zeitung vermeiden. Jäkel hat nun die Entscheidung getroffen, vor der sich die Männer womöglich drückten.

Bis zuletzt habe sich der Verlag bemüht, einen Käufer für die „FTD“ zu finden, auch eine Fortführung als reiner Online-Titel sei geprüft worden, doch dafür habe der Verlag „keine Chance auf Erfolg gesehen“, teilte Jäkel mit.

250 Millionen Euro Verlust soll die „FTD“ in den zwölf Jahren ihres Bestehens gemacht haben. Gestartet war sie zur Zeit des Internetbooms, der Telekom-Aktie. Eine Zeit, in der sich plötzlich viele Menschen für Wirtschaft und Börse interessierten. Die „FTD“ wollte sie mit einer jungen, frischen Ansprache abholen, zeigen, wie sexy Wirtschaft sein kann und dem „Handelsblatt“ Konkurrenz machen. Mehrfach wurde das Blatt ausgezeichnet. Doch die New-Economy-Blase platzte, Anzeigenumsätze und Auflagenzahlen schrumpften, nicht allein bedingt durch die Kostenlos-Kultur im Internet, wo die „FTD“ immer einen starken Auftritt hatte. Die Redaktion experimentierte mit Radio und Web-TV, verschickte schon nachmittags PDF-Ausgaben, versuchte Bezahl-Konzepte. Wohl kaum eine andere Zeitung dürfte im Netz mehr ausprobiert haben. Gescheitert ist die „FTD“ sicher nicht deshalb, weil sie das Internet verpasst hat.

Was der „FTD“ zu schaffen machte, sind ihr Umfeld und veränderte Lesegewohnheiten. Viele Tageszeitungen haben starke Wirtschaftsteile, dazu Sport, Politik, Kultur und Lokales. Eine Zeitung, die sich vor allem auf Wirtschaft und Politik konzentriert, muss da schon einen besonderen Kaufanreiz auslösen.

Rund 42 000 Abonnenten hatte die „FTD“ zuletzt (IVW, 3. Quartal 2012), 3000 Käufer am Kiosk, insgesamt eine verkaufte Auflage von 102 000 Exemplaren. Hinzu kommt der immer schwierigere Anzeigenmarkt, unter dem die gesamte Zeitungsbranche leidet. Wirtschaftsmedien „leiden ganz besonders“, sagt Jäkel. Die Magazine „Börse Online“ und „Impulse“ sollen deshalb verkauft werden. Geprüft werde auch die Möglichkeit eines Management Buy-Outs, also die Übernahme durch eine Tochterfirma des Verlags. Sollte dies scheitern, würden die Zeitschriften wie schon die „FTD“ eingestellt.

Bereits 2008 hatte G + J einen Rettungsversuch unternommen, in dem alle Wirtschaftsmedien in einer Gemeinschaftsredaktion vereinigt wurden. Die Verlagsführung erhoffte sich Synergien, heraus kam ein Profilverlust der sehr unterschiedlichen Titel – mit Folgen: „Zwar konnten erhebliche Einsparungen erzielt werden, diese reichten jedoch nicht aus, um die rückläufigen Anzeigenumsätze auszugleichen. Auch in diesem Jahr werden die Wirtschaftsmedien einen deutlichen Verlust machen“, sagte Jäkel.

Von den vier großen Titeln will G+J einzig „Capital“ behalten. Das bisher in Hamburg produzierte Heft soll in Berlin unter Chefredakteur Steffen Klusmann „neu positioniert werden und eine stärker wirtschaftspolitische Ausrichtung erhalten.“ Das junge „Business Punk“ soll ebenso fortgeführt werden wie die Einheit „Fact & Figures“, die Magazine für Unternehmen produziert. Für die Mitarbeiter ist das kaum ein Trost. Von den insgesamt 364 gestrichenen Arbeitsplätzen entfallen mit 258 Stellen die meisten auf den Standort Hamburg, 42 sind in Frankfurt und 14 in weiteren Außenbüros betroffen. Dazu kommen 50 Mitarbeiter in anderen Bereichen. Zusammen mit den Betriebsräten soll für sie ein Sozialplan verhandelt werden. 40 Millionen Euro stehen dafür angeblich zur Verfügung.

Am Ende versucht es Jäkel trotzdem mit netten Worten: „Sie haben Maßstäbe gesetzt, an denen sich andere orientieren“, sagt sie den Mitarbeitern. In den kommenden zwei Wochen wollen sie zeigen, dass ein lebendes Vorbild besser ist als ein totes.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben