Medien : Aus für Mediathek: Zurück in die Funkhäuser

Joachim Huber

Das tut richtig weh, diese Parallelität vom Anfang des Filmmuseums und vom Ende der Mediathek. Am Dienstag Abend wurde die Wallfahrtsstätte des cinematographischen Schaffens bei riesigem Andrang im Filmhaus am Potsdamer Platz eröffnet; Stunden zuvor gab Volker Kähne, Chef der Berliner Senatskanzlei, die Idee eines Museums für Hörfunk und Fernsehen an gleicher Stätte zur Beerdigung frei. Die öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkanstalten konnten für eine nennenswerte Beteiligung an dem Hörfunk- und Fernseharchiv nicht gewonnen werden, sagte er: "Wir verzichten derzeit auf eine Mediathek, aber die Kinemathek wird kommen." Als ob es letztere nicht längst gäbe.

Die schmollmündige Schuldzuweisung erging an die Sender-Geizkragen, die das Projekt mit zu wenig Geld ausstatten wollten. Der Grundstein für den richtigen Grundgedanken bleibt ungelegt. Die Vision einer Deutschen Mediathek wurde Mitte der 80er Jahre geboren. Unter den Vätern waren Hans-Geert Falkenberg, Erwin Leiser und Eberhard Fechner. Fechner, der große Dokumentarist, notierte 1992: "Auch wenn inzwischen die zentrale Bedeutung von Hörfunk und Fernsehen für unsere Gesellschaft weitgehend erkannt wird, haben bisher viele nicht gesehen, wie sehr diese Medien in den letzten Jahrzehnten die Entwicklung unserer Gesellschaft beeinflusst haben - mehr als alle anderen Publikationsformen unserer Zeit." Dieses Urteil hat Bestand. Die "Freunde der Deutschen Mediathek" entschieden sich für den Potsdamer Platz, für jenen Ort, heißt es in der Gründungs-Broschüre, an dem im Vox-Haus vor 70 Jahren die Deutsche Rundfunkgeschichte begann.

Von der Höhe der Euphorie ging es hinab in die Ebene der Mühen. Dreierlei brauchte es: reichlich Geld, ein tragfähiges Konzept über den museal-archivalischen Charakter hinaus, den gemeinsamen Willen aller Beteiligten. Jede Konstante war eine Variable. Mal ging es voran, noch öfter stockte es. Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen, dem man nichts Böses nachsagt, wenn man sein Interesse an Medienfragen als ausbaufähig bezeichnet, gab sich den größten Ruck, als er die Deutsche Mediathek zur Chefsache erklärte. Und es ruckte. Im Frühjahr 2000 jubelte sein Sprecher Michael-Andreas Butz: "Deutsche Mediathek wird gegründet". In naher Zukunft sah er "ein medienkulturelles Zentrum ersten Ranges" im Filmhaus am Potsdamer Platz: Stiftung Deutsche Kinemathek mit dem Filmmuseum, die Freunde der Kinemathek e.V. mit den beiden Arsenal-Kinos, die Deutsche Film- und Fernsehakademie, schließlich die Mediathek, die 2001 eröffnet werden sollte. 1300 Quadratmeter hatte das Land dafür bei Sony gemietet - auf die jetzt die Macher des Filmmuseums begehrliche Blicke werfen: Schließlich ist in der neu eröffneten Schau von 100 Jahren deutscher Filmgeschichte die zweite Hälfte fast weggefallen.

Volker Kähne schob den Schwarzen Peter vorsorglich weiter. Wer nimmt ihn auf? Am kürzesten sollte er bei Jürgen Doetz liegen bleiben. Der Sat 1-Geschäftsführer und Cheflobbyist der Privatsender erkannte deutlicher als alle anderen Fraktionen die Notwendigkeit, dass sich die Medienindustrie gefälligst um mehr als nur um Quoten und Gewinne zu kümmern habe. Es genügt nicht, wenn in allen deutschen Haushalten ein Radio- und ein Fernsehgerät stehen. Senden ist das eine, Reflexion das andere. Namentlich die Privatsender entwickelten einen Horror vor der Grundidee eines reinen Programm-Archiv-Museums, das archivalisch arbeitet und ausstellt. Die Hör- und die Schauwerte mussten mit hinein. Unter Berücksichtigung auch der neuen Medien sollte die Mediathek "einen Event-Charakter" erhalten und große Fernsehereignisse begleiten, um "zusätzliche Anreize für die Öffentlichkeit zu schaffen" (Butz). Damit all die Forderungen und Erwartungen ein stabiles Fundament bekommen, sollte ein Konzept her. Gesehen hat es bis heute keiner.

Dem Berliner Senat ist allerdings nicht Alleinschuld dafür zuzuschieben, dass die Mediathek betrieben wurde wie eine Hobbythek. Die Phalanx der inoffiziellen Neinsager ist mächtig. Auf einem Nenner trafen sich die meisten Senderbosse: kein Gebührengeld, kein Werbegeld nach Berlin! Da fuhr der ZDF-Intendant mit dem RTL-Geschäftsführer auf der gleichen Rheinschiene. Auf dem Mainzer Lerchenberg soll ein ZDF-Erlebnispark errichtet werden, der Medien-Standort Nordrhein-Westfalen harkte mit eigenen Mediatheks-Plänen die Berliner Idee klein. Die ARD war ganz schlau, indem sie glaubte, über die Mediathek ihre Rundfunkarchive alimentieren zu können. Dann schoss noch der schöne Gedanke quer, dass die Mediathek in Berlin die Zentrale weiterer Mediatheken in den Ländern werden sollte. Und dann wäre da noch der französische Mischkonzern Vivendi, der sich in der Berliner Wasserwirtschaft für einen zweistelligen Millionenbetrag à Konto Mediathek engagieren durfte. Die Vivendi-Gruppe betreibt das Studio Babelsberg und grübelt seit längerem, wie sie Wasser, Immobilien und Medien positiv saldiert.

Offiziell wurde die Mediatheks-Idee, die in den Metropolen dieser Welt (London, Paris, New York) längst ihr Publikum findet, vorangetrieben, inoffiziell kräftig hintertrieben. Keiner soll behaupten, dass Hörfunk und Fernsehen, dieses mächtigste Medium unserer Zeit, nicht ihre Faszination ausbreiten können. Als in Oberhausen die Ausstellung "Der Traum vom Sehen" lief, kamen binnen weniger Monate Hunderttausende Besucher. In den weit geöffneten Erinnerungsfenstern fanden sie sich wieder, Emotion paarte sich mit Information, Medien und Nutzer trafen sich auf einer Ebene.

Aber Aufgeben gilt nicht. Wenn in Berlin ein Museum für Kommunikation, ein Computer- und Videospiele-Museum und ein Filmmuseum prunken und prangen, dann ist die Lücke einer Mediathek nur umso heftiger ausgestellt. In Deutschland, einig Museumsland mit 6000 Häusern, wird dem Hanf gehuldigt, der Erotik, dem Schwein, es wird ausgestellt, was immer auch ausstellbar ist. Und da soll ein Haus für Hörfunk und Fernsehen keinen Platz haben, da soll kein Bedarf sein? Zart keimt das Pflänzchen Hoffnung. Senatschef Kähne: "Das Projekt ist unterbrochen, aber nicht abgebrochen."

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