Ausgekämpft : Der Rhetor

Aufsicht ade: Norbert Schneider, einer der wichtigsten Medienwächter, hört nach 17 Jahren auf – und wird 70.

Bernd Gäbler

Norbert Schneider ist ein Mann des Wortes, ein klassischer Redner, wie ihn das Powerpoint-Zeitalter kaum noch kennt. Das medienforum.nrw war Jahr für Jahr seine Bühne. 2010 zum letzten Mal. Da predigte er, las Leviten, flehte, forderte, glänzte mit Süffisanz und Sarkasmen. Mal kam der Direktor der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen (LfM) der versammelten Medienelite mit Richard Sennett, mal mit Überlegungen zur Krise, zum Reiz unnützer Technik, dem „Content“, der „King“ sei, oder er beleuchtete die erstaunliche Karriere des „Nutzers“. Denken und Diskurs wollte er anregen.

„Einen Bärendienst“ tue sich die deutsche Intelligenz an, wenn sie das Fernsehen – für ihn noch lange Zeit Leitmedium der Gesellschaft – als „Unterschichtenfernsehen“ denunziere, ärgert er sich. Zum Gespräch im modernen LfM-Gebäude am Düsseldorfer Medienhafen trägt er ein Polohemd statt Kragen und Krawatte. Den Begriff „Medienwächter“ für sein Tun lehnt er ab. Die Assoziation, alle schliefen und nur einer erleuchte die Szene, hat ihn immer gestört. Norbert Schneider suchte und sucht den Dialog. Auch und gerade mit den Veranstaltern der privaten TV-Programme. Harmoniesüchtig sei er, hat er gelegentlich kokettiert. Heute, am 7. August, wird er 70 Jahre alt, und am Ende des Monats beendet er seine Tätigkeit als Direktor der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen, ein Jahr vor dem Ende des laufenden Vertrags. Zuletzt hat er mangelnde Unterstützung durch die Politik beklagt.

Kritischer als früher betont er den Unterschied der Dialogpartner bei der Medienaufsicht. „Wir haben deshalb eine Gesellschaft, um die in ihr schutzbedürftigen Menschen aus ihrer Schwäche herauszubringen,“ lautet sein Credo der Fürsorge, das sehr christlich klingt und etwas sozialdemokratisch. Vielleicht hätte die Medienaufsicht zum Thema „Menschenwürde“ – diesen Begriff benutzt Schneider vorsichtig – doch einmal eine Programmbeschwerde juristisch ausfechten sollen, räsoniert er rückschauend. Natürlich, die einen wollen Quoten machen und Gewinn, das respektiert er, aber publizistisches Ethos dürfe nicht schwinden. Darum pocht er darauf, dass Vollprogramme Nachrichten senden müssen, darum kritisiert er Programme, die nur damit spielen, ob Probanden künstlich erzeugten Druck aushalten oder daran scheitern, als „römische Unterhaltung“, darum besteht er darauf, dass „Ultimate Fighting“ nicht gezeigt werden darf, weil „in einer öffentlichen Aufführung die Würde dessen, der liegt“ durch den, der weiter auf ihn einschlägt, verletzt werde.

Schneider ist kein Zensor, aber im Bemühen um gesellschaftliche Balance und Schutz für die Schwachen hätte er gerne mehr institutionelle Autorität auf seiner Seite. Dabei hat er wie kaum ein anderer die Komplexität von Medienaufsicht verkörpert: Bildung, Aufklärung, Kompetenz, Kontrolle, Diskussionen über Ethik und Ästhetik. Selbstverständlich ist Norbert Schneider nicht unpolitisch – aber im Zweifel ist ihm der persönliche Kontakt lieber als die Parteiräson, der Protestantismus wichtiger als die SPD. Johannes Rau kannte er gut. Dieser hat den gebürtigen Württemberger nach Nordrhein-Westfalen in das Wahlamt, die Leitung der Landesmedienanstalt, geholt.

Die evangelischen Seminare in Heilbronn und Blaubeuren boten dem heutigen Prof. Dr. Norbert Schneider die ersten Bildungserlebnisse. Koordiniert wurden sie vom berühmten Stift in Tübingen. Da begann er auch das Studium der Theologie. In Marburg, wo kontroverse Exegese und Debatten tobten, hat er bei Ernst Fuchs, einem Bultmann-Schüler, promoviert, in Hamburg bei Gerhard Maletzke zusätzlich Publizistik gehört. Er fühlt sich noch heute als Berlin-Vertriebener. Denn Schneider brachte es beim SFB zum Programmdirektor für Hörfunk und Fernsehen. Gewählt noch in der Zeit des Vogel-Senats, verstand er sich auch gut mit dem nachfolgenden Richard von Weizsäcker, dessen berühmter „Medienkommission“ er später ebenfalls angehörte. Aber da war ein einflussreiches CDU-Mitglied im Rundfunkrat, Klaus-Rüdiger Landowsky, der Schneider einfach nicht mochte. Das beruhte auf Gegenseitigkeit – am Ende gewann der Politiker.

Wenn Norbert Schneider dies erzählt, grimassiert er wie ein Soap-Darsteller. Wenn ihm etwas nicht passt, kann er herrlich gequält gucken, die Augenbrauen entsetzt heben oder mit den Augen rollen. Richtig ernst aber wird es, wenn er über längere Zeit sauertöpfisch die Mundwinkel hängen lässt. Was tut man ihm nur an? Diese Mimik, seine Analyse wie sein Spötteln – das sind seine Waffen. Schneider betont, dass Reden nicht harmlos ist und Worte die eigentlichen Taten sein können. Aber sie sind es eben nicht immer. Norbert Schneider ist kein Administrator, kein Machtmensch, der Institutionen schafft, Leuchttürme in die Landschaft knallt, Allianzen schmiedet und an ihnen festhält – mit einem Wort, obwohl er mit allerlei taktischen Wassern gewaschen ist, ist er letztlich kein Politiker. Das mag ein Lob sein, zeigt aber auch eine Schwäche. Jetzt plädiert Schneider für eine Zentralisierung der Medienaufsicht in Form einer „Medienanstalt der Länder“, aber hat er dieses Ziel in den letzten 17 Jahren selbst energisch verfolgt?

Die Medienszene wird sein Ausscheiden als intellektuellen Verlust empfinden. Neben den Pragmatikern, den Juristen und den Apologeten des Marktes fehlt eine wichtige Stimme. Umgetrieben hat ihn immer die „Qualitätsdiskussion“. Allen, die sie als Geschmacksdiktatur verhöhnen, ist er energisch in die Parade gefahren. Fernsehen kann auch glücklich machen, wie er in einer seiner schönsten Reden zur Eröffnung der gleichnamigen Ausstellung in der Berliner Kinemathek im Jahr 2002 anrührend erläuterte. Schneider liebt solche TV-Momente, die „mich aufs Äußerste und Innigste befriedigen, dass ich mich nicht mehr mit mir selbst beschäftige und auch keinen Kritikerblick mehr zustande bringe.“

Zuletzt hat er sich immer mehr mit den Folgen des digitalen Umbruchs und den neuen Kontrollmächten befasst. Der Mensch sei ein „Madensack“, sagt Luther. Er werde ein „Datensack“, fürchtet Schneider. Im Internet, der wunderbaren globalen Plattform der Kommunikation, werde eben jeder, der suche auch gefunden. Schneider warnt vor einem „Terror der Transparenz“. Es gibt Theoretiker, die glauben, diese Transparenz erfordere eine „Ära des Vergebens“. Das dürfte Norbert Schneider gefallen.

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