Medien : Außer Kitschverdacht

Neue Folgen „Dr. Kleist“ – warum die Familienserie nicht totzukriegen ist

Barbara Sichtermann

Familienserien im Fernsehen gelten als altmodisch. So hat man denn auch im neueren Novela-, Soap- und Serienwesen eher dem Schicksal einzelner Figuren oder ganzer Peergroups Aufmerksamkeit geschenkt. Aber da die Familie nicht totzukriegen ist – weder als Realität noch als Thema – ersteht sie auch im TV wieder auf, dieses Jahr in Gestalt der zweiten Staffel von „Familie Dr. Kleist“ in der ARD. Den Mut dazu machten die an die acht Millionen Zuschauer, die die erste Staffel im Durchschnitt sahen.

Gleich vorweg: „Dr. Kleist“ ist aus ästhetischer Sicht kein Glanzstück. Die Geschichten sind konventionell erzählt, die Regie ist Routine, die Schauspieler – allen voran Francis Fulton-Smith als Dr. Kleist und Christina Plate als seine designierte Ehefrau – wacker, aber keineswegs umwerfend. Stellt sich die Frage: woher der Erfolg? Welchen Nerv trifft diese Serie? Welches Bedürfnis stillt sie? Ist es das nach heiler Welt und Nostalgie?

Nein, so einfach ist es nicht. Familien, wenn sie in Serie gehen, sind in der Regel kaputt. Sonst machte es keinen Spaß, ihnen dabei zuzusehen, wie sie sich berappeln, um aufs Neue zu zerfallen. Familien sind dazu bestimmt, zerrüttet zu werden – und sich neu zu bilden. Und zwar nicht, weil die Menschen schwach oder böse sind, sondern weil der Lauf der Dinge es so will: Die Kinder werden groß und ziehen aus, die Liebe der Eltern schwindet oder blüht außerhalb, und Schicksalsschläge wie Ruin, Verrat und Unfälle tun ein Übriges. Wer je das Gerücht in die Welt gesetzt hat, Familien seien zur Harmonie bestimmt und alle Beschäftigung mit ihnen – sei es in Literatur oder Fernsehen – stünden unter Kitschverdacht, war nicht ganz bei Trost. Wer das Drama sucht, soll sich der Familie zuwenden.

Bei „Dr. Kleist“ holte Gevatter Tod gleich in der ersten Folge die Zentralfigur der Mutter. Ihr Sterben folgte einer Logik, denn der Doktor sollte nach gehöriger Trauerarbeit auf neuen Liebespfaden wandeln. Das hat er dann auch in der ersten Staffel getan, und sie führten ihn zu der bezaubernden Marlene, einer Schulleiterin. Und wo findet all das statt? An einem Ort, der seinerseits nicht unbedingt heil ist, der nur in den Luftaufnahmen des Trailers so ausschaut: in Eisenach. So hätten wir zwei Defizit-Modelle beisammen, denen wir beim Sich-Berappeln zuschauen möchten: einen Witwer mit drei Kindern und eine Stadt im neuen Bundesland Thüringen. Das Zuschauerbedürfnis, das hier befriedigt wird, ist also weniger das nach der heilen Welt als das nach der zerstörten Welt, die einen Neuanfang macht.

Ein dritter Faktor kommt hinzu, der für den Erfolg von Dr. Kleist verantwortlich sein könnte. Die typischen Wandlungen, die das System Familie bedrohen und umbauen, flicht die Serie geschickt in ihre Folgen ein. Es sind derzeit vor allem die Veränderungen der Geschlechterrollen. Die Frau steht im Beruf. Die selige Frau Kleist tat es, die Neue tut es ebenso. Der Vater ist heiratswillig, die Frau ist es nicht. Mutterschaft ist nicht selbstverständlich für sie, die Ehe erscheint ihr veraltet. Er hingegen sagt von sich: „Ich bin ein Vater, der sich Sorgen macht.“ Mit der ehrgeizigen Mutter und dem familienbezogenen Vater hat hier ein Rollentausch stattgefunden, der das Genre entstaubt. Wie stets ist Familie ein schwieriges Unterfangen – doch es sind vor allem die Frauen, die das spüren. Aber das ist nicht alles. Denn, so ein Gast der Kleists, „es ist ein Vergnügen, mit einer so großen Familie an einem Tisch zu sitzen“ - auch das ist wahr. Und es sind vor allem die Männer, die es empfinden.

Nun ist „Dr. Kleist“ nicht nur eine Familien-, sondern auch eine Arztserie. Und als Doc ist Kleist ein wandelnder Wunschtraum. Er ist immer da, wenn irgendwo eine überarbeitete Frau in Ohnmacht fällt, er telefoniert seinen Patienten hinterher und passt auf, dass sie auch zur Röntgenuntersuchung gehen. Er weiß, was für jeden das Richtige ist, er verkörpert ein unerreichbares Ideal. Das nervt zwar den kritischen Betrachter, aber es weckt auch den Träumer in ihm. Ein Arzt, der sich so kümmert, wie schön wäre das! Solche Träumereien zu befördern ist ja auch ein Auftrag des Fernsehens, jedenfalls in den fiktiven Formaten.

„Familie Dr. Kleist“; ARD, 20 Uhr 15

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