Medien : Ausstülpungen des Wahnsinns

Ballettfilm mit Gregor Seyffert über Nijinski, den „Clown Gottes“

Franz Anton Cramer

Bis heute gefällt es einem Teil der westdeutschen Kritikerkaste, von einer „so genannten ostdeutschen Tanztheaterästhetik“, ja einem „Etikettenschwindel des DDR-Tanzes“ zu sprechen. Tatsächlich sind Arbeiten eines Tom Schilling an der Komischen Oper, einer Arila Siegert, einer Irina Pauls, eines Dietmar Seyffert seit der Wende weitestgehend aus dem Repertoire der wichtigen Theater verschwunden. Aber ein Stück schafft es seit zehn Jahren, sich gegen alle stilistische Stromlinienformung zu behaupten: das Solo „Clown Gottes“ für Gregor Seyffert, den Tanz-Superstar des Ostens. Entstanden 1990, verarbeitet es auf Kräfte zehrende und ausgesprochen drastische Weise das Schicksal Vaslav Nijinskis – jenes legendären Ballettidols der vorletzten Jahrhundertwende, der 1919 an Schizophrenie erkrankte und bis zu seinem Tode 1950 in geschlossenen Anstalten dahinvegetieren musste.

Die Choreografie von Dietmar Seyffert, Vater des vielfach preisgekrönten Berliner Kammertänzers und heutigen künstlerischen Leiters der Staatlichen Ballettschule, Gregor Seyffert, ist seit ihrer Entstehung auf ausgedehnten Gastspielreisen zu sehen gewesen. Vor eineinhalb Jahren gab dann der ORB die Anregung, das Werk fürs Fernsehen einzurichten. Alle Beteiligten waren sich sofort einig, dass es keine abgefilmte Bühnenfassung werden dürfe. Stattdessen wählte man die pittoreske Ruinenkulisse der ehemaligen Beelitzer Lungenheilstätten als Drehort und deutete das 45-minütige Stück ganz neu aus.

Im Mittelpunkt des Films „Clown Gottes – Verloren im Wahnsinn“ steht jetzt nicht mehr die tänzerische Wucht und die formale Anlage der Bewegung. Die Filmfassung konzentriert sich ganz auf die darstellerische Leistung von Gregor Seyffert. Dem folgt die Kamera mit langen Nahaufnahmen und teilnahmsvollen Einstellungen auf dem Weg durch seine Wahnbilder. Ohne Kontinuität herstellen zu wollen, werden Sequenzen überblendet, geschnitten, wiederholt, so dass auch in der Bildregie die Ausstülpungen von Nijinskis geniehaftem Wahn anschaulich werden.

„Clown Gottes“ basiert auf Musik von Igor Strawinsky. Für die Filmfassung wurde sie durch eine nuancenreiche Toncollage ersetzt. Regisseur und Choreograf sprechen deshalb auch nicht von einem „Tanzfilm“, sondern von einem Spielfilm mit Tanz. In jedem Fall ist es ein Werk, in dem der Tänzer Gregor Seyffert alle Register seiner stupenden Darstellungsgabe zieht. So hat man ihn noch nie gesehen.

„Clown Gottes tanzt in Beelitz“: 23 Uhr 05; „Clown Gottes – Verloren im Wahnsinn“: 23 Uhr 20, beides RBB Brandenburg.

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